Interview mit Paulina Fröhlich zum European Hub for Civic Engagement

Digitale Plattform goes Europäische Zivilgesellschaft

, von  Julia Bernard, Théo Boucart

Digitale Plattform goes Europäische Zivilgesellschaft
Der European Hub for Civic Engagement ist eine digitale Plattform, die es zivilgesellschaftlichen Akteur*innen in Europa ermöglich soll, sich zu vernetzen, auszutauschen und voneinander zu lernen. Getroffen haben sie sich in Danzig, Tallinn und in Lissabon Foto: zur Verfügung gestellt von Nuno Patricio

“Shrinking spaces” heißt der Fachbegriff, wenn es darum geht, dass die Zivilgesellschaft in Europa immer weniger Handlungsspielräume hat. Paulina Fröhlich möchte das nicht einfach hinnehmen. Ihre Lösung: Eine Vernetzungs- und Unterstützungsplattform für zivilgesellschaftliche Akteur*innen. Wir sprechen mit ihr darüber, wie digitale Tools unsere Gesellschaften verbessern können und warum demokratische Prozesse anstrengend sind, sich aber dennoch lohnen.

Paulina Fröhlich ist Leiterin des Programmbereichs Zukunft der Demokratie der Berliner Denkfabrik „Das Progressive Zentrum“. Gemeinsam mit ihren Kolleg*innen hat sie zivilgesellschaftliche Akteur*innen zu ihren Herausforderungen, Problemen und Bedürfnissen im Alltag befragt und wie es 2021 zeitgemäß ist, ist aus den zahlreichen Befragungen, Hackathons – Veranstaltungen bei denen technische Probleme gelöst werden – und Workshops eine Onlineplattform geworden. Es handelt sich dabei nicht um eine weitere Plattform, die durch die Einsammlung von Daten kommerzielle Ziele verfolgt. Es ist ein Raum, in dem das Teilen von Know-How und Vernetzung von zivilgesellschaftlichen Akteur*innen im Mittelpunkt stehen. Denn wenn Paulina Fröhlich über die neue Plattform, den European Hub for Civic Engagement, spricht, dann wird vor allem eines klar: “Die Plattform muss wirklich etwas bewirken und Menschen helfen”.

Eine Plattform von und für die europäische Zivilgesellschaft

treffpunkteuropa.de: Digitale Plattformen haben unsere gesamte Wirtschaft und Gesellschaft revolutioniert und sind überall. Man hätte denken können, dass bestehende Tools und Plattformen auch für die engagierte europäische Zivilgesellschaft hätten reichen können: Was ist der Unterschied zwischen einem sozialen Netzwerk und dem European Hub for Civic Engagement?

Paulina Fröhlich: Es handelt sich um eine kostenlose, open-source Plattform, die nicht im Hintergrund Daten über Angemeldete sammelt und verarbeitet. Die Server stehen alle in Europa. Das Angebot richtet sich gezielt an die europäische Zivilgesellschaft.

Außerdem gibt es ja schon mehr als genug Diskussionsplattformen. Unser Anspruch ist es vielmehr, dass die Plattform bestimmte Funktionen bietet, die den Nutzer*innen tatsächlich hilft. Um das zu erreichen, erarbeiten wir die Funktionen mit der Zielgruppe zusammen.

Wie würdest du den European Hub for Civic Engagement beschreiben?

Er ist (und wird) eine digitale Plattform, die zur Vernetzung der europäischen Zivilgesellschaft beitragen und darüber hinaus sie in ihrer Arbeit bestärken, unterstützen und besser machen soll. Der Prozess ist dabei genauso wichtig wie das Ergebnis: jede Funktion, die der Hub bietet, wird sich nicht von uns als Think Tank in Berlin ausgedacht, sondern von der Zielgruppe selbst erarbeitet.

Wie stellt ihr fest, was gebraucht wird?

Wir verfolgen einen Bottom-Up-Ansatz, der immer über eine Bedürfnisanalyse läuft. Das heißt, wir fragen immer: Wer seid ihr? Wie definiert ihr euch? Was braucht ihr und was fehlt? Erst, wenn wir einen klaren Bedarf ausfindig gemacht und konkret formuliert haben, gehen wir noch einen Schritt weiter in die Charakterisierung. Wie muss ein Tool aussehen, damit es auch wirklich genutzt wird, fragen wir dann. Wann würde es dich nerven und du würdest es nicht mehr nutzen? Nur über solche Fragen können wir wirklich herausfinden, was die europäische Zivilgesellschaft wirklich braucht.



Einschränkungen der Freiheiten begrenzen zunehmend den Raum, in dem NGOs frei ihren Aktivitäten nachgehen können. Für Paulina Fröhlich ist folglich eines klar: Es müssen Strukturen aufgebaut werden, die NGOs unterstützen und europaweit miteinander vernetzen. Foto zur Verfügung gestellt von Capital Headshots Berlin

Wie werden diese Lösungen entwickelt?

Wir programmieren diese Lösungen mit Programmierer*innen und Designer*innen, die sich ebenfalls als Teil der europäischen Zivilgesellschaft definieren. Diese Tech-Tools kommen dann letztlich von der Community für die Community.

Eine spezielle Fokusgruppe, die wir im Blick haben, sind jene, die sich in sogenannten “shrinking spaces” befinden. Also Orte, an denen solch ein politischer Druck auf zivilgesellschaftliche Organisationen aufgebaut wird, dass sie nicht mehr frei ihrer kritischen Arbeit nachgehen können. Es geht folglich um Aktivist*innen und Organisationen, die besonders erschwerte Zugänge zu wichtigen Ressourcen oder Rechten haben.

Wie sieht so ein Tool aus, das zivilgesellschaftlichen Organisationen in ihrer Arbeit unterstützen kann?

Wir haben in Workshops in Danzig und Lissabon und einem Hackathon in Tallinn mit Menschen aus ganz Europa und darüber hinaus intensiv gearbeitet. In diesem Treffen kam heraus, dass unser Hub vier Unterkategorien haben soll: erstens Community, zweitens Ideen, drittens Finanzierung und viertens Ressourcen. Die Teilnehmenden waren sich darüber einig, dass zunächst der Community-Bereich gebaut werden sollte.

Welcher Bedarf wurde hier geäußert?

Vielen Akteur*innen haben geäußert, dass es eine große Hilfe wäre, wenn man sich unter zivilgesellschaftlichen Organisationen besser finden kann. Der erste Schritt, um sich europäisieren und gegenseitig stärken zu können, liegt darin, voneinander zu wissen. Ein Beispiel: Erst wenn eine tschechische Frauenrechtsgruppe ihre Äquivalente in Schweden und Rumänien kennt, können sie sich vernetzen.

Du hast die Gespräche mit den zivilgesellschaftlichen Akteur*innen mitgestaltet und aus den vielen Diskussionen operative Schritte gezogen. Was war in deiner Rolle die größte Herausforderung und wie sah diese konkret aus?

Basisdemokratische Bottom-Up-Prozesse kosten unglaubliche Energie, Zeit und Nerven. Kurzum: Demokratie nervt. Immer wieder muss man sich selbst prüfen: Ist meine Idee wirklich gut? Was ist an der Kritik meines Gegenübers wirklich dran? Die größte Gefahr für Diversität ist Schnelligkeit. Ab einem gewissen Tempo können eben nicht mehr alle basisdemokratisch teilnehmen. Manche leise Meinungen brauchen nun mal Zeit bis sie gehört werden. Eine ganz konkrete Herausforderung war also: Einen Prozess zu schaffen, der sichtbare Ergebnisse herbeiführt und gleichzeitig den Grad an Langsamkeit erlaubt, der Korrekturen zulässt, um damit basisdemokratisch legitim zu sein.

Eine weitere Herausforderung ist der Versuch Dopplungen zu vermeiden. Seit Jahren sind wir auf der Suche, ob es so eine Bottom-Up-Plattform mit unterschiedlichen Tech Tools für die europäische Zivilgesellschaft schon gibt. Wir sind erst in die Umsetzung gegangen, als wir von vielen Seiten hörten, dass so etwas wie der Hub fehlt. Und siehe da, als der European Hub for Civic Engagement Anfang März gelauncht wurde, sehe ich, dass zeitgleich zwei weitere Plattformen ihren Launch feiern, die einen ganz ähnlichen Ansatz haben. Hier sehen wir wieder: Obgleich wir in der europäischen Zivilgesellschaft gut vernetzt sind, ist unser Wissen und unsere Zugänge zu ihr beschränkt. Um es hart zu sagen: Der Überblick fehlt (auch uns) an vielen Stellen und das ist ganz schön krass.

Festgefahrene Strukturen ändern

Auch im Bereich Förderung will der European Hub for Civic Engagement unterstützen. Wie sieht das konkret aus?

Natürlich ist auch der Funding-Bereich sehr wichtig. Dabei geht es vielen Organisationen darum, Wege aus der Prekarität zu finden, etwa um Aktionen nicht allein aus Spenden zahlen zu müssen.

Hier kann es bereits eine Hilfe sein, Organisation in der Bewerbung, um Förderung zu unterstützen. Wie sieht eigentlich eine gute Bewerbung aus? Was sind die Lehren aus anderen Projekten, die schon durchgeführt wurden?

Viele zivilgesellschaftliche Akteur*innen haben uns außerdem zurückgemeldet, dass sie sich einen Wandel in der Philanthropie wünschen. Sie wollen kein starres, hierarchisches Verhältnis zwischen den großen geldgebenden Stiftungen und den kleinen Mittelempfänger*innen. Zivilgesellschaftliche Organisationen wollen in ihrer Expertise und ihrem Erfahrungsreichtum wahrgenommen werden. Sie könnten somit auch eine beratende Kraft für Stiftungen werden. Auch von stiftender Seite ist das Bedürfnis nach einem engeren Verhältnis und einer ideellen Partnerschaft zu hören.

Wie kann eine Hierarchisierung zwischen fördernden Stiftungen oder Ähnlichem und den geförderten Organisationen aus der Zivilgesellschaft minimiert werden?

Da gibt es viele innovative Ansätze. Zum Beispiel der Ansatz, dass die Geförderten in einer Art Rat zusammentreten und dann selbst (mit)entscheiden, an wen die nächste Förderung geht. Dies findet bereits statt, zum Beispiel bei Citizens for Europe.

Sie könnten außerdem gemeinsam daran arbeiten, dass sich der Wissenstransfer untereinander besser gestaltet. Gemeinsam könnten auch Kriterien ausgearbeitet werden, anhand derer der Erfolg von zivilgesellschaftlichen Projekten gemessen wird.



Gemeinsam mit Kolleg*innen hat Paulina Fröhlich zivilgesellschaftliche Akteur*innen zu ihren Herausforderungen, Problemen und Bedürfnissen im Alltag befragt. zur Verfügung gestellt von Nuno Patricio

Eine grenzübergreifende Öffentlichkeit schaffen

Le Taurillon: Apropos Europa. Auf eurer Webseite stellt ihr fest, dass sich der Spielraum für eine kritische Zivilgesellschaft in Europa stets stark reduziert hat. Was schlägst du konkret vor, um eine grenzüberschreitende öffentliche Meinung zu fördern?

Ich glaube, die europäische Öffentlichkeit muss als Korrektiv und als Legitimationsraum für die europäische Demokratie gelten. In einer nationalen Demokratie ist der öffentliche Raum, in dem man Meinungen und Stimmungen äußern kann, nicht wegzudenken. So sollte es auch in Europa sein. Ich glaube, dass wir mit dem European Hub for Civic Engagement zu der Stärkung und Weiterentwicklung einer europäischen Öffentlichkeit beitragen. Wir fördern einen digitalen Raum, indem die kritische Zivilgesellschaft Wissen, Ressourcen und Ideen austauschen und finden kann.

Für eine grenzüberschreitende öffentliche Meinung benötigt es aber auch eine europäische mediale Öffentlichkeit. Nationale Medien würden dann über europäische Themen auch mal ohne die nationale Brille berichten. Zudem bräuchte es europäische Medienhäuser und Kanäle. Glücklicherweise gibt es mehr und mehr davon.

Schließlich tragen europäische Erfahrungen im Leben vieler Bürger*innen sicherlich auch zur Bildung einer grenzüberschreitenden Öffentlichkeit bei. Diese bedürfen konkreter politischer Schritte. Wenn saubere und günstige Mobilität gegeben ist, wenn Ausbildungen und Abschlüsse angeglichen sind, wenn Miet- und Arbeitsverträge für alle gleichermaßen zu schließen sind, dann können europäische Erfahrungen Normalität sein. Diese geteilten Erfahrungen, seien sie positiv oder negativ, schaffen Resonanz und erzeugen Öffentlichkeit.

Was du gerade über die Medien gesagt hast, ist interessant. Oftmals ist es auch ein Problem, dass Medien, wie Politico, Euractiv oder Euronews, überwiegend auf Englisch berichten. Glaubst du, dass dies ebenfalls ein Problem für die Verbreitung dieser Medien in Europa ist?

Sprache darf kein Problem sein. Ich kann mir eher vorstellen, und das ist eine Hypothese, dass wir immer noch Formate produzieren, die gesellschaftliche Nischen ansprechen. Was wir viel eher finden müssen, ist eine breitere Vielfalt in den Formaten und den Sprachen, und dabei meine ich vor allem mehr verständliche Umgangssprache und diversere Themen. Nur so können wir unterschiedliche Zielgruppen erreichen.

Du hast gesagt, dass du dir konkrete politische Schritte wünschst. Die Konferenz zur Zukunft Europas könnte hier eine gute Möglichkeit sein. Was ist die Erwartungen des European Hub for Civic Engagement an diese Zukunftskonferenz?

Ich muss dazu sagen, dass der European Hub for Civic Engagement keine eigene politische Entität ist. Der Hub stellt zum Beispiel nicht mit einer einzigen Stimme eine Forderung auf. Es sind jedoch Organisationen aktiv auf dem Hub, die ganz konkret in die Organisation von Bürger*innenforen zur Konferenz zur Zukunft Europas involviert sind. Wir unterstützen kommunikative Maßnahmen, regen dazu an, dass sich Leute beteiligen, und hoffen auch hier den Wissenstransfer ankurbeln zu können. Wir beobachten und versuchen zu ermöglichen.

Diese Konferenz muss meines Erachtens Transparenz, Einbindung und vor allem Ehrlichkeit ausstrahlen. Die Bürger*innen müssen das Gefühl haben, dass ihre Stimme und ihre Teilnahme berücksichtigt wird. Aus dem Gefühl sollte dann auch Gewissheit werden. Wenn dem nicht so ist, wäre das Vorhaben kontraproduktiv. Ich stimme jedoch nicht in den Abgesang auf die Konferenz ein, den ich bereits wahrnehme. Ich hoffe all die klugen Köpfe, die die Konferenz kritisch beobachten, mischen sich konstruktiv ein.

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