Wie bereits das russische Zarenreich auf das Osmanische Reich übte die Sowjetunion auf die moderne Türkei immensen Druck aus. Moskaus Ziel war nach 1945 die sowjetische Kontrolle über die Meerengen Bosporus und Dardanellen, womit die Unabhängigkeit der Türkei automatisch in Frage gestellt wurde. Daher wandte sich Ankara an den Westen um Unterstützung und erhielt diese auch: Für die USA stellte die Türkei eine Bastion zum Schutz der Seehandelsrouten vom Persischen Golf nach Westeuropa dar.
Der Zusammenbruch der UdSSR im Jahr 1991 bildete dann eine tiefe Zäsur für die Türkei: Quasi über Nacht löste sich der Druck aus dem Norden auf. Russlands machtpolitischer Rückzug eröffnete die Möglichkeit, türkische Macht in den Schwarzmeerraum und in die Region rund um das Kaspische Meer zu projizieren.
Der Schwarzmeer-Raum
Im Zuge des Zusammenbruchs der Sowjetunion entstanden mit der Ukraine und Georgien zwei Pufferstaaten, die die Türkei gegenüber Russland abschirmen. Gerade die Ukraine wird in Ankara als wichtiger Damm gegen einen zu großen Einfluss Moskaus auf die Schwarzmeer- Region betrachtet. Ginge dieser verloren, könnte sich die Möglichkeit eines russischen Angriffs auf die türkischen Meerengen eröffnen. Zumal Ankara in diesem Fall am westlichen Beistand zweifelt. Damit wäre nicht nur die Unabhängigkeit der Türkei bedroht, sondern es gingen auch Möglichkeiten der Einflussnahme auf das Kaspische Becken mit seinen großen Energieressourcen verloren. An sie zu gelangen ist ein wichtiges Ziel der türkischen Außenpolitik.
Um der möglichen russischen Hegemonie auf dem Schwarzen Meer entgegenzutreten, möchte die Türkei NATO-Kapazitäten nutzen. So befürwortet Ankara die Stationierung von Kriegsschiffen der Allianz an der türkischen Nordküste. Die Krux dabei ist, sie unter türkisches Kommando zu stellen. Geschehe dies, erhielte die Türkei eine größere maritime Schlagkraft gegenüber dem Kreml und könnte zugleich die USA, die in Ankara zunehmend als Rivale betrachtet werden, machtpolitisch aus dem Schwarzen Meer heraushalten. Momentan besteht zwischen Russland und der Türkei ein informelles Kondominium über die Region und beide Länder weiteten nach Beginn des Ukraine-Krieges ihre Handelsbeziehungen aus. Dies gilt insbesondere für den Energiesektor, wo Ankara zu 90 Prozent auf Importe aus dem Ausland angewiesen ist.
Das Kaspische Becken
Solange Russland nicht die Herrschaft auf dem Schwarzen Meer besitzt, ist die Türkei in der Lage, Einfluss auf die Entwicklung im Kaspischen Becken zu nehmen. Ihre Ansprechpartner sind hier Aserbaidschan, Kasachstan, Usbekistan und Turkmenistan. Ankara möchte einerseits deren Erdgas und Erdöl für die wachsende türkische Wirtschaft gewinnen, andererseits sich selbst als Transitland für den Export der genannten Energieträger in die EU positionieren. Dies verspricht zusätzliche finanzielle Einnahmen und einen erhöhten geopolitischen Wertder Türkei.
Hierbei stößt sie allerdings auf den Widerstand Russlands, das die Region weiterhin als Teil der eigenen Einflusszone betrachtet. Die hiesigen Staaten sollen durch intergouvernementale Organisationen, Pipelines und den Kauf von Förderrechten eng an Moskau gebunden werden. Zudem besitzt Russland zusammen mit dem befreundeten Iran die Seeherrschaft auf dem Kaspischen Meer.
Um eine direkte Konfrontation mit Russland zu umgehen, bot die Türkei eine Zusammenarbeit an: Ankara erklärte sich bereit, den westlichen Zugang zum Kaspischen Meer, den Südkaukasus, weiter unter russischer Vorherrschaft zu belassen, wenn der Kreml im Gegenzug türkische Interessen in der Region berücksichtigt. Der Angriff Russlands auf die Ukraine, in den die russischen Streitkräfte nach drei Jahren immer noch verwickelt sind, verbesserte die Verhandlungsposition der Türkei. So konnte der türkische Verbündete Aserbaidschan den Konflikt um Bergkarabach zu seinen Gunsten lösen, wodurch sich die Möglichkeit ergab, einen Energiekorridor durch Armenien zu errichten. Diese Verbindung ist direkter und damit besser als der Umweg über Georgien, wie ihn derzeit noch die Baku-Tiflis-Ceyhan-Pipeline nimmt.
Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine gewann auch der „mittlere Korridor“ zwischen China und der Europäischen Union an Bedeutung, welcher durch Kasachstan, Aserbaidschan, Georgien und die Türkei führt. Entsprechend investiert die „Organisation der Turkstaaten“ unter maßgeblichem Engagement Ankaras in Häfen und Eisenbahnlinien entlang dieser Route.
Fazit
Die Türkei hat sich seit 1992 im postsowjetischen Raum zu einem relevanten Akteur entwickelt. Für Ankara sind dabei die großen Energieressourcen der Region rund um das Kaspische Meer von großer Bedeutung. Hauptrivale ist Russland, das infolge des Ukraine-Krieges gegenüber der Türkei im postsowjetischen Raum an Boden verloren hat.

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