Die Türkei und der Nahe Osten

, von  Aleksandar Abramovic

Die Türkei und der Nahe Osten
Seit Erdogans Regierungsantritt im Jahr 2002 dringt die Türkei auf eine wichtige Rolle im Nahen Osten. Maurice07 | Wikipedia, Creative Commons: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.en

Die Türkei sieht für sich eine bedeutende Rolle im krisengeschüttelten Nahen Osten, denn Ankara benötigt für seine wachsende Wirtschaft Energiezufuhren aus der Region. Die bedeutendsten Rivalen dabei sind der Iran, Ägypten und Frankreich.

Ein Land mit großen Ambitionen: Die Türkei im Nahen Osten

Seit Erdogans Regierungsantritt im Jahr 2002 dringt die Türkei auf eine wichtige Rolle im Nahen Osten. Zunächst nur diplomatisch, wird dieses Ziel seit dem Arabischen Frühling von 2011 auch militärisch verfolgt. Wichtigster Verbündeter der Türkei ist dabei die Muslimbruderschaft, die ideologisch mit der türkischen Regierungspartei AKP verwandt ist. Sollten die Muslimbrüder tatsächlich in den arabischen Staaten an die Macht gelangen, möchte die AKP auf sie einen dominanten Einfluss ausüben. Die Kontrolle über die arabischen Staaten wäre für die Türkei günstig, damit sie Einfluss auf die vom Persischen Golf in die Türkei führenden Handelsrouten gewinnen kann. Die wachsende türkische Wirtschaft ist nämlich dringend auf Energieimporte angewiesen.

Kurdistan und die Landverbindung in den Nahen Osten

Die türkischen Landverbindungen in die arabische Welt führen durch das kurdische Siedlungsgebiet. Ein unabhängiger Staat Kurdistan würde die Türkei demnach von den arabischen Ländern abschneiden. Daher betrachtet Ankara die kurdischen Staatsbildungsprozesse im Irak und in Syrien mit größtem Misstrauen. Dies gilt insbesondere gegenüber der PYG im Norden Syriens, die in Ankara als Ableger der PKK gilt. Gegenüber den irakischen Kurden nimmt die Türkei eine ambivalente Haltung ein: Einerseits lehnt Ankara eine staatliche Unabhängigkeit der Kurdischen Autonomieregion im Nordirak klar ab. Andererseits ist die Türkei aber auch in Irakisch-Kurdistan der mit Abstand größte Investor in der semi-autonomen Region. Die Türkei fungiert für das irakische Kurdistan als wirtschaftliche Brücke zur Außenwelt.

Der Persische Golf: Rivalität mit dem Iran

Am Persischen Golf bemüht sich die Türkei seit geraumer Zeit darum, iranischen Einfluss auf die Golfstaaten zu begrenzen. So unterhalten die türkischen Streitkräfte in Katar einen Militärstützpunkt und Erdogan Erdogan schloss 2015 mit Ägypten und Saudi-Arabien eine gegen den Iran gerichtete Defensivallianz ab. Sie soll den Einfluss Teherans auf die östliche arabische Welt minimieren. Diesen Ambitionen der Türkei fiel wohl auch die Assad-Herrschaft in Damaskus zum Opfer: Über Syrien verläuft die kürzeste Landverbindung von der Türkei zur Arabischen Halbinsel. Daher unterstützte Ankara in Syrien auch von ihm abhängige Islamisten. Mit Erfolg, denn die mit Iran verbündete Regierung Assad wurde im Dezember 2024 gestürzt.

Die Handelsroute vom Persischen Golf in die Türkei: Rivalität mit Ägypten

Die Türkei und Ägypten sind gegenüber dem Iran zwar miteinander verbündet, gleichzeitig rivalisieren sie aber auch miteinander um Einfluss in der arabischen Welt. Kairo beansprucht dort traditionell eine Führungsrolle und kommt der Türkei damit in die Quere. Allerdings steckt die ägyptische Wirtschaft seit geraumer Zeit in einer finanziellen Misere ist es um die ägyptischen Finanzen nicht besonders gut bestellt und die aufstrebende Türkei hat damit gute Chancen, die Rivalität zu eigenen Gunsten zu entscheiden. Ankara dringt derzeit in das unmittelbare Vorfeld Ägyptens ein: In Syrien ist nun eine pro-türkische Regierung an der Macht, in Libyen unterstützt die Türkei die mit Islamisten besetzte Regierung in der Hauptstadt Tripolis gegen den von Ägypten unterstützten General Haftar in Bengasi und im Sudan bemüht sich die türkische Regierung diplomatisch um einen Waffenstillstand im laufenden Bürgerkrieg. Ein dominanter Einfluss auf diese drei Länder würde es der Türkei ermöglichen, Ägypten strategisch zu umfassenin Schach zu halten. Infolgedessen könnte Kairo zu politischem Wohlverhalten gezwungen werden. Damit erhielte die Türkei eine durchgängige maritime Verbindungslinie vom Persischen Golf in das östliche Mittelmeer.

Das östliche Mittelmeer: Rivalität mit Frankreich

Das östliche Mittelmeer ist für die Türkei indessen nicht nur ein Transitraum, sondern auch ein Abbaugebiet für Erdgas. Dabei versuchen die anderen Anrainer der Region Ankara aber außen vor zu halten: Vor einigen Jahren haben sich Ägypten, Israel, Griechenland, Zypern, Italien, Jordanien und die Palästinensische Autonomiebehörde zum „Gasforum Östliches Mittelmeer“ zusammengeschlossen. Das Forum soll den Energiebedarf seiner Mitgliedsstaaten decken und Gas in die Europäische Union exportieren. Es sucht daher die Nähe zu Frankreich, dem Griechenland, Zypern und der Libanon eine Förderlizenz für Erdgas erteilt haben. Daraufhin begann die Türkei auf eigene Faust im östlichen Mittelmeer nach Gasfeldern zu suchen. Das führte zu einer diplomatischen Krise mit Paris, das auch Kriegsschiffe in die Region entsandte. Frankreich ist für die Türkei der wohl wichtigste Gegner in Libyen, denn Paris möchte eine Einflussnahme durch Ankara in dem nordafrikanischen Land verhindern. Die französische Regierung befürchtet, Libyen könne sich für die Türkei zu einem Einfallstor in das frankophone Afrika entwickeln.Diese Region, die „Francafrique“, steht noch immer unter großem Einfluss Frankreichs.

Fazit

Die Türkei befindet sich insgesamt gesehen weiterhin in einem Wirtschaftswachstum, wodurch ihre internationale Bedeutung zunimmt. Um ihre Wirtschaft am Laufen zu halten, benötigt die Türkei Energiezufuhren vom Persischen Golf und aus dem östlichen Mittelmeer. Hier stößt sie mit anderen wichtigen Staaten wie Frankreich, Iran und Ägypten zusammen. Mittel zur Durchsetzung türkischer Interessen sind das Militär sowie die Zusammenarbeit mit islamistischen Gruppen in den arabischen Ländern. Da sie mit den USA verbündet ist, befindet sich die türkische Außenpolitik derzeit im Aufwind. Ob sich die Türkei im Wettbewerb der Mächte dauerhaft durchsetzen kann, wird sich zeigen.

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