Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer im Interview

„Die starke Verknüpfung von Rassismus, Anti-Semitismus, Frauenhass und Sexismus wird unterschätzt.“

, von  Marie Menke

„Die starke Verknüpfung von Rassismus, Anti-Semitismus, Frauenhass und Sexismus wird unterschätzt.“
Unter dem Motto „Unser Feminismus ist antirassistisch“ demonstrierten Feminist*innen im März 2016 in Köln.
Foto: Flickr / strassenstriche.net / CC BY-NC 2.0

Europa hat in den vergangenen Jahren ein gleichzeitiges Erstarken rechter Populist*innen und einer anti-feministischen Bewegung erlebt. Diese wendet sich nicht nur gegen progressive Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität, sondern auch gegen politische Eliten, internationale Organisationen und Migrant*innen. Birgit Sauer arbeitet an der Universität Wien zu Politikwissenschaft und Geschlechterforschung. Im Interview erklärt sie, warum die anti-feministische Bewegung in ihrer mitunter tödlichen Gewalt unterschätzt wird, wie sie für Rassismus und Anti-Semitismus instrumentalisiert wird und inwiefern sie europaweit ebenso unterschiedlich wie vernetzt ist.

Sie wende sich „gegen neue Formen des partnerschaftlichen Zusammenlebens von Männern und Frauen, gegen Maßnahmen zur rechtlichen Gleichstellung von Frauen sowie gegen die Gleichstellung von LGBTIQ-Menschen, […] gegen ‚die Eliten‘ und gegen ‚die Anderen‘“, beschreibt Birgit Sauer in einem Essay die vielfältigen Feindbilder anti-feministischer Mobilisierung. Deren Ziele umfassen nicht nur die Rückkehr zu traditionellen Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität. Sie propagieren auch darüber hinausgehende, anti-demokratische Ideen sowie ein Bild von Bürger*innen, die auf die Führung und den Schutz durch rechte Populist*innen angewiesen sind.

Sauer ist seit Februar 2006 Universitätsprofessorin mit Schwerpunkt Gender und Governance am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Für ihren Beitrag zu einer feministischen Politikwissenschaft wurde sie 2015 mit dem österreichischen Staatspreis für Frauenforschung, Geschlechterforschung und Gleichstellung in der Arbeitswelt, dem Käthe-Leichter-Preis, ausgezeichnet. In ihrer Forschung blickt Sauer unter anderem auf die Schnittstelle zwischen (Anti-)Feminismus und Rechtspopulismus. Ihrem anfangs zitiertem Essay gelingt es nicht zuletzt aufzuzeigen, wie wichtig die europäische Dimension für die anti-feministische Bewegung ist: Als Beispiel nennt sie die in mehreren Sprachen verfügbare, konservative Petitionsplattform CitizenGo, welche Kampagnen gegen mehrere von Mitgliedern des Europaparlaments vorgelegte Berichte, unter anderem zu Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen und zu diskriminierungssensibler Sexualaufklärung, organisierte.

treffpunkteuropa.de: In Europa beobachten wir aktuell zeitgleich das Erstarken einer anti-feministischen Bewegung wie auch Erfolge rechtspopulistischer Parteien. Wo liegt die Verbindung zwischen ihnen?

Birgit Sauer: Rechte Parteien sind weitgehend aufgesprungen auf eine Anti-Feminismus-Bewegung, die es schon länger gibt. Ursprünglich wurde sie vor allem von der katholischen Kirche geführt. Rechte Parteien und ihre Führungspersönlichkeiten weltweit, angefangen von Jair Bolsonaro in Brasilien bis Wladimir Putin in Russland, haben gemerkt, dass sie mit Geschlechterthemen so etwas wie den „common sense“, den allgemeinen Menschenverstand, ansprechen können. Anti-Feminismus nutzen sie daher für ihre sehr nativistische Vorstellung von einem Volk, das sich allein über Zweigeschlechtlichkeit und Kinderkriegen immer wieder herstellen soll.

Auch benutzen sie anti-feministische Mobilisierung für ihre spezifische Art der politischen Kommunikation: Rechtspopulist*innen arbeiten mit Antagonismen, wenden sich also zum Beispiel gegen die politische Elite und gegen Migrant*innen, ebenso wie gegen Gleichstellungs-Politiker*innen und Gender-Professor*innen. Deshalb haben auch viele rechte Parteien die Gewalt gegen Frauen in der Silvesternacht 2015/16 in Köln aufgegriffen, um gegen Migrant*innen zu mobilisieren. Das Geschlechterthema ist also ein guter Aufhänger für rechte Parteien, um ihre Inhalte oder zumindest die Gegner*innen, gegen die sie sich wenden, deutlich zu machen.

Zum einen geht die Bewegung dabei gegen Gleichberechtigung vor. Zum anderen bezeichnet sie sich selbst als besonders gleichberechtigt, um andere, insbesondere muslimische Migrant*innen, aufgrund mangelnder Gleichberechtigung abwerten zu können. Wie erklärt sich dieser Gegensatz?

Rechte Parteien arbeiten viel mit Ambivalenzen und Widersprüchen, weil sie ihnen helfen, sich innerhalb scheinbarer Verwirrung als Vertreter*innen des Volks darzustellen. So funktioniert das auch mit der Argumentation gegen männliche Migranten, die in den Augen von Rechtspopulist*innen die in Gesellschaften wie der deutschen oder der österreichischen bereits erreichte Gleichberechtigung gefährden. Zugleich argumentieren rechte Populist*innen aber auch, dass weitere Bemühungen für mehr Gleichberechtigung in westlichen Ländern nicht mehr nötig seien. Sie sagen praktisch: „Unsere Frauen sind schon viel gleichberechtigter als migrantische Frauen, deshalb brauchen wir nicht noch mehr Gleichberechtigung.“

Im deutschen Hanau tötete ein Attentäter am 19. Februar neun Besucher*innen von Shishabars, seine Mutter und anschließend sich selbst. In seinem Pamphlet zeigt sich unter anderem ein Hass auf Frauen. Unterschätzen wir, wie tödlich Anti-Feminismus sein kann?

Deutschland ist ein sehr spezieller Fall von rechter Gewalt. Bei weitem ist noch nicht aufgearbeitet, welche Rolle die Polizei und der Verfassungsschutz darin spielen. Aber ja, Rechtsradikale in Deutschland sind gefährlich – und werden unterschätzt oder aus den Institutionen heraus, die sie bekämpfen sollten, möglicherweise noch gefördert oder gedeckt.

Unterschätzt wird außerdem die starke Verknüpfung von Rassismus, Anti-Semitismus, Frauenhass und Sexismus. Dabei wird übersehen, dass Männer sich oftmals gleichzeitig als Rassisten und Anti-Semiten sowie als Sexisten, Frauenhasser und selbst ernannte „Anti-Genderisten“ radikalisieren. Wenn jemand sich „anti-genderistisch“, anti-feministisch oder sexistisch äußert, ist das ein Hinweis für einen bestimmten Grad von Radikalisierung, der von einer rassistischen oder anti-semitischen Ideologie noch verstärkt wird und zu Anschlägen führen kann. Historisch gesehen sind solche Ausgrenzungs- und Ablehnungsstrukturen seit dem 19. Jahrhundert eng miteinander verbunden. Anti-Semitismus hat in Nazideutschland beispielsweise viel mit der Abwertung von Geschlechtern gearbeitet: Menschen jüdischen Glaubens wurden feminisiert, ihnen wurden als typisch weiblich geltende Eigenschaften zugesprochen, um sie dadurch abzuwerten. Das ist ein Denkmuster, das sich über die unterschiedlichen Konjunkturen von Rassismus und Anti-Semitismus immer erhalten hat.

Im Fall von Hanau finde ich außerdem interessant, dass einige Medien berichteten, der Attentäter habe neun Menschen umgebracht. Tatsächlich hat er außerdem auch seine Mutter getötet – ein klassischer Fall von Gewalt gegen Frauen innerhalb der Familie, ein klassisches Beispiel für einen Femizid.

„Femizid“ bezeichnet die „von privaten und öffentlichen Akteuren begangene oder tolerierte Tötung von Frauen und Mädchen wegen ihres Geschlechts“, beispielsweise Mord innerhalb einer Partnerschaft oder das Töten im Namen der „Ehre“. 2017 wurden 189 Femizide allein in Deutschland begangen – und das auch außerhalb des rechten Spektrums: Wie weit ist derartig gewalttätiger Anti-Feminismus gesellschaftlich verankert und wie reagieren öffentliche Institutionen auf ihn?

Hintergrund solcher Frauenmorde sind letztendlich immer Abwertungs- und Herrschaftsstrukturen. Meistens geschehen Femizide innerhalb von Partnerschaften, oftmals wenn die Frau angekündigt hat, den Partner oder Ehemann zu verlassen, oder wenn sie ihn bereits verlassen hat. Sobald sich Frauen aus so einem Herrschaftsgefüge befreien, glauben Männer, dass ihnen etwas genommen wird, das ihnen zusteht. In diesen Fällen werden sie gewalttätig. Im Übrigen werden auch in nordischen Ländern Femizide begangen, obwohl diese Länder oft für besonders progressiv und besonders wenig frauenfeindlich gehalten werden. Sie sind also in den unterschiedlichsten Kontexten und Ländern anzutreffen.

Ich gehöre nicht zu der Gruppe von Feminist*innen, die sagt, gegen Gewalt an Frauen gäbe es nur eine Möglichkeit, nämlich das Wegsperren von Tätern. Das halte ich für einen falschen Weg. Trotzdem ist die Polizei ein ganz wichtiger gesellschaftlicher Akteur, wenn es um die Prävention und Bestrafung von Taten geht. Als solche sehe ich auch zum Beispiel Gerichte und Staatsanwaltschaften in der Verantwortung. Da ist noch viel zu tun, damit diese sensibilisiert werden. Dabei geht es auch um Maßnahmen, bei denen verschiedene Akteur*innen wie die Polizei, aber auch Frauen-NGOs und Frauenhäuser gemeinsam überlegen, wie sie Frauen schützen und zugleich auf Gewalttäter einwirken können.

Werfen wir einen Blick auf Europa insgesamt: Wie unterschiedlich ist diese Bewegung in verschiedenen Ländern? Wie gut ist sie gleichzeitig vernetzt?

Gerade über das Internet ist sie sehr gut vernetzt: In entsprechenden Chatrooms lässt sich beispielsweise global agieren. In Europa sind rechte Parteien außerdem auch außerhalb sozialer Medien gut vernetzt. Teilweise sitzen sie zusammen im Europäischen Parlament, wenn auch oftmals zerstritten, und kooperieren eben auch in ihrer anti-feministischen Mobilisierung. Da wird beispielsweise Bildmaterial ausgetauscht, Sprüche werden übersetzt oder Allianzen in einzelnen Forderungen, beispielsweise einem Kopftuchverbot, gebildet.

Darüber hinaus gibt es aber auch deutliche Unterschiede: Die in Polen regierende PiS (Prawo i Sprawiedliwość, zu deutsch „Recht und Gerechtigkeit“, Anm. d. Red.) ist beispielsweise viel stärker mit der katholischen Kirche verbunden als die deutsche AfD oder die österreichische FPÖ. Das zeigt sich im Familienbild der PiS und in ihrer Ablehnung von Homosexualität, was in Ländern, wo es zum Beispiel homosexuelle Führungspersonen innerhalb rechter Parteien und Organisationen gibt, seltener ist. Die FPÖ war beispielsweise nie besonders offen homophob, das ist bei der PiS eindeutig anders.

Unterschiede gibt es aber auch zu den nordischen Ländern: Parteien wie die FPÖ wettern stark gegen Gender Mainstreaming und Gleichstellungspolitik. In Dänemark und Schweden sind rechte Parteien hingegen sehr vorsichtig, wenn es darum geht, Gleichstellung anzugreifen. Die ist dort kulturell derartig verankert, dass Rechte wissen, dass sie niemanden mobilisieren können, indem sie diese in Frage stellen. Anti-feministische Bewegungen und Rechtspopulist*innen mobilisieren dort hingegen stärker gegen Migrant*innen.

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