Bereits jetzt ist 2026 ein Jahr der Rekorde: 41,8 Grad lautet der neue deutsche Temperaturrekord, gemessen am 27. Juni in Drewitz, Sachsen-Anhalt. Fast 12.000 Menschen starben in Deutschland dieses Jahr aufgrund der Hitze, etwa 9.600 davon in einer einzigen Woche Ende Juni. Das sind bereits mehr Opfer als in jedem Gesamtjahr seit 2016. Über 500.000 Hektar wurden 2026 in der EU durch Waldbrände zerstört, eine Fläche mehr als fünfmal so groß wie Berlin. Über 200.000 Hektar entfallen allein auf die anhaltenden Brände in Spanien, ebenfalls ein neuer Rekord für das Land, obwohl die Waldbrand-Saison noch bis Ende Oktober anhalten wird.

Trotz dieser Rekorde schrauben Deutschland und die EU an ihren Klimaschutzzielen: kein Verbrenner-Aus für 2035, Einfrieren des CO2-Preises, gelockerte Ziele für den Emissionshandel. Damit Deutschland und die EU wettbewerbsfähig bleiben, heißt es aus Berlin und Brüssel. Doch lässt sich der Klimaschutz wirklich so leicht gegen die Wirtschaft ausspielen? Es lohnt sich, den Klimawandel unter die wirtschaftliche Lupe zu nehmen.

Wirtschaftliche Schäden durch Klimawandel

Der Klimawandel hat in allen europäischen Ländern deutlich spürbare negative Auswirkungen auf die wirtschaftliche Stabilität. Extremwetterereignisse wie Dürren, Überschwemmungen und Stürme zerstören Infrastruktur, Gebäude und Ernten in ganz Europa, was zwischen 2021 und 2024 zu einem wirtschaftlichen EU-Gesamtschaden von 208 Milliarden Euro führte. Skandinavien und das Baltikum verzeichneten zwischen 1980 und 2024 vergleichsweise niedrige wirtschaftliche Schäden durch Extremwetterereignisse, doch selbst hier liegen die Kosten im Milliardenbereich. Slowenien, Deutschland, Frankreich, Spanien und Italien erlitten deutlich höhere finanzielle Verluste, selbst wenn Fläche und Einwohnerzahl berücksichtigt werden.

Länder, deren Wirtschaft vor allem von klimavulnerablen Sektoren wie Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Fischerei und Tourismus abhängt, sind besonders gefährdet: In Südrumänien verwandeln Dürren die Agrarflächen in Wüsten, was 2022 zu einem Rückgang von 32 Prozent der Getreideproduktion führte. Im spanischen Galizien ließen steigende Wassertemperaturen und Übersäuerung die Schalentier-Industrie um 90 Prozent einbrechen. In Slowenien brannten im Hitzesommer 2022 2.900 Hektar Wald ab, ein Jahr später mussten dort aufgrund der Flutkatastrophe ganze 1,3 Millionen Kubikmeter Holz gefällt werden.

Klimabedingte Verluste in diesen wirtschaftlichen Kernsektoren führen zu Produktivitätsrückgang, Inflation und Arbeitslosigkeit, die ganz Europa betreffen: In Italien und Spanien führen Dürren seit 2021 zu massiven Ernteausfällen. Besonders der Olivenanbau ist betroffen, und weil Spanien und Italien Weltmarktführer im Olivenanbau sind, wird Olivenöl teurer: So stiegen die europäischen Durchschnittspreise für Olivenöl im Jahr 2024 um 50 Prozent. Weil aufgrund der Dürre weniger geerntet werden konnte, verzeichnete Spanien zwischen 2021 und 2023 zudem einen Verlust von 51.000 Arbeitsplätzen im Landwirtschaftssektor.

Auch niedrige Pegelstände in Flüssen schwächen die Wirtschaftsleistung. Bei Niedrigwasser werden Lieferketten zu Wasser gedrosselt und dadurch verteuert, weil Schiffe entweder gar nicht oder nur noch mit eingeschränkter Transportmenge fahren können. In Deutschland betrifft das primär die Chemie- und Stahlindustrie, die ihre Rohstoffe vor allem über den Rhein transportiert. Dieser verzeichnete Anfang August täglich neue Rekordtiefstände, am 5. August wurden in Kaub nur noch 19 Zentimeter gemessen. Der bisherige Rekord von 25 Zentimetern stammt aus dem Jahr 2018. Damals belief sich der Gesamtschaden durch Niedrigwasser auf 2,4 Milliarden Euro. Das Kieler Institut für Weltwirtschaft rechnet allein für die Monate Juli, August und September mit einem Rückgang von 0,1 bis 0,2 Prozentpunkten der deutschen Wirtschaftsleistung durch die niedrigen Pegel.

Unterschätzte Kosten

Der menschengemachte Klimawandel steigert auch bisher eher unterschätzte Gesundheitskosten: Hitze, Feinstaubbelastung und Infektionskrankheiten führen zu erhöhten Krankheits- und Todesfällen, die die Arbeitsproduktivität senken. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt die klimabedingten Gesundheitskosten in Europa auf mindestens 400 Milliarden Euro pro Jahr.

Die durch den Klimawandel verursachten Extremwetterereignisse bedrohen zudem einen Grundbaustein der wirtschaftlichen Aktivität jedes europäischen Landes: Versicherungen. Versicherungen basieren auf dem Prinzip der Risikogemeinschaft. Das bedeutet, dass viele Menschen sich gegen ein Risiko versichern, also sogenannte Prämien zahlen, aber nur wenige tatsächlich einen Schadensfall erleben. Viele Menschen zahlen also einen kleinen Beitrag, damit im Katastrophenfall eine Einzelperson nicht von den Kosten überfordert wird. Damit sorgen Versicherungen für Stabilität und Planungssicherheit in der Wirtschaft und entlasten gleichzeitig den Staat.

Häufen sich nun jedoch Naturkatastrophen und betreffen gleichzeitig immer mehr Menschen, rentiert sich das Prinzip der Risikogemeinschaft nicht mehr. Prognosen zufolge wird Deutschland bis 2050 pro Jahr mindestens eine Naturkatastrophe mit den gleichen Kosten wie bei der Ahrtal-Überschwemmung 2021 erleben. Um solche finanziellen Schäden bezahlen zu können, werden Versicherungen zunächst ihre Prämien erhöhen, um überhaupt noch Gewinn zu erzielen. Beispielsweise rechnet das Versicherungsmaklerunternehmen Aon damit, dass die Prämien in der Gebäudeversicherung durch Klimawandel und Inflation ab sofort jährlich um mindestens vier Prozent steigen werden. Im Extremfall ziehen sich Versicherungen sogar aus besonders gefährdeten Regionen zurück, und der Staat muss einspringen. Dadurch geraten ganze Finanzsysteme unter Druck und bedrohen den Wohlstand Europas.

Wirtschaftliche Gewinne durch Klimaschutz

Diese Beispiele legen nahe, worin sich Wirtschaftswissenschaftler*innen schon lange einig sind: Untätigkeit in Sachen Klimaschutz wird immer teurer sein als in Klimafolgenanpassung (Adaptation) und effektiven Klimaschutz (Mitigation) zu investieren. Laut der Europäischen Umweltagentur müssen bis 2050 jährlich 53-137 Milliarden Euro und bis 2100 weitere 59-173 Milliarden Euro in den Klimaschutz investiert werden, je nachdem, ob die Temperatur auf 1,5°C, 2°C oder 3°C im Vergleich zur vorindustriellen Zeit steigen wird. Doch diese Investments lohnen sich: Laut Rechnungen der EU und des Internationalen Währungsfonds spart jeder investierte Euro in Klimaschutz 4-10 Euro an Folgekosten. Das heißt im Umkehrschluss, dass eine Investition von 53 Milliarden Euro in Klimaschutz zwischen 212 und 530 Milliarden Euro Verlust einsparen wird. Die anfänglichen Investments sind also hoch, werden sich durch die eingesparten klimabedingten Wirtschaftsverluste rentieren.

Genau diese benötigte Weitsicht macht es Regierungen jedoch schwer, umfangreiche Investments in Adaptation und Mitigation umzusetzen. Eine Regierung muss dafür hohe Schulden aufnehmen, die sich erst in zukünftigen Legislaturperioden auszahlen. Schulden und Geduld sind bekanntlich keine erfolgreichen Wahlkampfthemen.

Dabei steckt gerade bei der Energiewende viel wirtschaftliches Potential: Im letzten Jahrzehnt haben sich die Kosten für Onshore-Windenergie um 70 Prozent verringert, bei Photovoltaik sogar um 90 Prozent. Gleichzeitig steigen Öl- und Gaspreise seit Russlands Angriffskrieg und nun auch durch den Krieg im Iran dramatisch.

Auch für den Arbeitsmarkt bringt der Ausbau erneuerbarer Energien massive Chancen. Die Zahl der Arbeitsstellen in diesem Bereich stieg von 600.000 im Jahr 2021 auf 1,2 Millionen im Jahr 2022. Global liegen Investments in erneuerbare Energien klar im Trend. 2025 wurden ganze 2,3 Billionen US-Dollar in die Energiewende investiert. Darüber hinaus hat die Nutzung fossiler Energieträger auch durch politische Verpflichtungen keine wirtschaftliche Zukunft: Bis 2050 sind alle EU-Mitgliedstaaten gesetzlich verpflichtet, klimaneutral zu sein. Als Region mit historischer Verantwortung für den Klimawandel sind derartige Verpflichtungen Europas maßgeblich für die Glaubwürdigkeit und Ambition internationaler Klimapolitik. Zudem sollte die Hebelwirkung europäischer Klimamaßnahmen nicht unterschätzt werden, wie die weltweite Verbreitung von CO2-Bepreisung als Folge des europäischen Emissionshandelssystems zeigt.

Deutschland hat sich selbst das rechtsverbindliche Ziel gesetzt, bis 2045 klimaneutral zu sein. Schon jetzt geht das Umweltministerium von einer Verfehlung der deutschen Klimaziele bis 2030 aus. Man kann sich durchaus die Frage stellen, inwiefern die jüngste Aushöhlung von bereits beschlossenen Klimaschutzgesetzen einer vorausschauenden Strategie für die deutsche Wirtschaft in dieser klimaneutralen Zukunft entspricht.