Als POC in Rostock: Zwischen lautem und leisem Rassismus

, von  Bijan G. Memarzadeh A.

Als POC in Rostock: Zwischen lautem und leisem Rassismus
Rostock ist weit mehr als sein rechter Ruf. Die Stadt ist auch Uni- und Hafenstadt mit dem beliebten Urlaubsziel Warnemünde. Foto: Flickr / Delawega / CC-BY NC 2.0

Wie fühlt es sich an als POC in eine Stadt zu ziehen, in der man meist für sein Aussehen und seine Herkunft beäugt wird – ein Erfahrungsbericht.

Der Umzug ins Ungewisse

Einen Tag nach meinem zweiundzwanzigsten Geburtstag zog ich für mein Studium von Freiburg nach Rostock. Ich hatte mir für die Universitätsmedizin Rostock die besten Chancen ausgerechnet und mich für einen Studienplatz in Medizin beworben. Es war eine Entscheidung zu Gunsten meines Traums Medizin zu studieren und gegen meinen Wunsch in eine große Stadt zu ziehen.

Mit der Zusage brach natürlich große Freude aus, ich hatte nun endlich einen der heiß begehrten Studienplätze. Erst in einem ruhigen Moment, einige Tage später, kam mein Vater zu mir, und äußerte Bedenken zu meinem Umzug. Er erinnerte mich an seine Erlebnisse von Diskriminierung, und mahnte mich, meines Aussehens, meines Namens und meiner Herkunft bewusst zu sein. Ein beklemmendes Gefühl machte sich in mir breit.

Platz einfordern

Wir hatten oft über Diskriminierungserfahrungen gesprochen, und wie wir uns als Deutsch-Iraner in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft fühlen. Doch ich bin immer mit einem bestärkenden Gefühl aus diesen Unterhaltungen gegangen. Ich solle Platz einnehmen, meine Rechte einfordern und für meine Ziele einstehen, trotz der Hürden einer Gesellschaft mit strukturellem Rassismus. Dass sei revolutionär und verändere die molekulare Struktur des Denkens einer Gesellschaft, der Gedanke ein Anwesenheits- , ein Teilnahmerecht zu haben. Man muss sich daher stetig seinen Platz neu erkämpfen. Doch jetzt war es anders, seine Sorgen für mich überwogen den Kampfgeist, den er sonst vermittelte. Das verunsicherte mich.

In Rostock wurde 2019 bei der Europawahl 17,7% die Grünen gewählt, 12,4% AfD gewählt, und mit 17,3% die CDU. Im erweiterten Stadtgebiet erhielt die AfD sogar 17,2%. Das war also das politische Milieu, in welches ich ziehen würde. Ein Ort, der im dritten Reich als „Mutterstadt“ umstrukturiert werden sollte, wie aus militärischen Planungen hervorgeht. Ein Ort, der immer wieder in den Medien ist, wenn es um Versammlungsorte der rechten Szene geht.



Vor dem neuen Markt am Rathaus, in meiner ersten Woche in der Stadt. Foto: zur Verfügung gestellt von Bijan

Ein Blick in die Vergangenheit und Kontinuitäten

Auf der Zugfahrt in den Norden flackerten immer wieder die Bilder von den rassistischen Anschlägen von Rostock-Lichtenhagen aus dem Sommer 1992 vor meinem inneren Auge auf. Zu dem euphorischen Gefühl, nun endlich mein Studium zu beginnen, um zu ziehen und einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen, mischte sich ein mulmiges Gefühl. Im August 1992 herrschten vier Tage lang progromartige Zustände in Rostock. Brandsätze und Steine flogen durch die Luft und gipfelten im Anschlag auf ein Asylwohnheim für vietnamesische Vertragsarbeiter*innen. Diese Bilder ließen mich, trauriger weise, kalt, ich hatte sie schon zu oft in den Medien gesehen. Was mir an diesem Tag im Zug immer wieder durch den Kopf schoss, waren die drei Tausend Menschen, weiße Bürger*innen, die applaudierend danebenstanden, und die Tragödie so unterstützten. Ihr Applaus und ihre Tatenlosigkeit unterstütze den hier stattfindenden Rechtsextremismus. Ich schüttelte mein Unbehagen, wie so oft, ab, und nahm mir vor, mit einem unvoreingenommenen aber dennoch wachsamen Auge nach Rostock zu kommen.

Drei „Einzelfälle“

Ich wohne nun seit fast einem Jahr in Rostock. Ich bin in eine WG gezogen, habe die ersten zwei Semester gemeistert und Freund*innen gefunden. Ich fühle mich wohl in Rostock, meistens zumindest. In den ersten Tagen stürzte ich mich in mein neues Leben, und verschwendete keine Gedanken an die Sorgen, die mich noch auf der Hinfahrt plagten, dafür war alles viel zu neu und aufregend gewesen. Bis zu einem der ersten Mensabesuche.

Nicht alle hatten im Trubel der ersten Tage ihren Studierendenausweis erhalten, ich war einer davon. Man empfahl uns aber unsere Immatrikulationsbescheinigung für die Nutzung der Mensa, als auch der öffentlichen Verkehrsmittel bereit zu halten. Wir gingen als Gruppe durch die Kasse an der Mensa. Man winkte einen nach dem anderen durch, teilweise mit und ohne Studierendenausweis. Ich zeigte der Kassiererin ein Foto meiner Immatrikulationsbescheinigung, wie zuvor auch andere schon. Sie entgegnete nur schnippisch, dass sie das ausgedruckt bräuchte. Ich stutzte, und kramte in meinem Rucksack nach dem Dokument. Mir war das super peinlich, ich hielt die ganze Schlange auf. Ich zückte das Blatt Papier und streckte es ihr entgegen. Nach eindringlicher Musterung, drehte sie sich zu ihrer Kollegin um, und murmelte etwas. Dann sagte sie, ich müsse den vollen Preis zahlen, es sei nicht ersichtlich ob ich auch an der Universität studiere und nicht doch „nur“ auf einer Hochschule, denn Sprachschüler*innen müssten den vollen Preis zahlen. Der Papierkopf war leicht vom Drucker abgeschnitten worden, und man sah das Universitätssiegel nicht mehr. Dass selbstverständlich auch Hochschulstudierende den Studierendenzuschuss erhalten, wusste ich nicht. Aber ich argumentierte, dass man Medizin nur an der Universität studieren könne, ich kein Sprachschüler sei und sich so das Problem gelöst hätte, da das ganz deutlich unter meiner Immatrikulationsnummer stand. Die Dame winkte nur ab, uns sagte: „voller Preis bitte“.

Die Schlange hinter mir war währenddessen größer und größer geworden. Ich ließ es also auf sich beruhen. Im weg gehen, schäumte ich vor Wut. Ich ärgerte mich nicht nur über die Engstirnigkeit der Dame, sondern auch über den offenkundigen Rassismus. Um mich herum schien das aber keinem aufzufallen. Als ich beim Essen darauf aufmerksam machte, was eben geschehen war, wurden unterschiedliche Aussagen gemacht. Einige winkten es ab und schoben das Verhalten auf einen stressigen Tag der Kassiererin. Andere zuckten mit den Schultern und sagten, ich solle das ignorieren, sie habe es sicherlich nicht so gemeint. Wieder andere schüttelten nur verständnislos den Kopf, verwundert darüber, dass solch ein Verhalten noch stattfinde. Ich hatte Interkontinentalflüge gemacht, die weniger Bürokratie erforderten. Dass so ein Terz bei der Kasse an der Mensa gemacht wurde, grenzt eigentlich nur an Komik, wäre da nicht dieser bittere Beigeschmack der Diskriminierung für mich.

Einige Monate später wurde ich in der Bahn angerempelt. Es war eine leere Bahn, und ich stand an eine Seite angelehnt, gegenüber der Tür. Es gab viel Platz um mich herum, und ich unterhielt mich angeregt mit einer Freundin. Als ich von hinten so heftig umgestoßen wurde, dass ich mich abfangen musste. Die Freundin, die bei mir war, hatte gesehen, wie er mit Absicht gegen mich gelaufen war, und nicht, wie ich zuerst vermutete, versehentlich auf mich gestolpert war. Im Vorbeigehen drehte sich der stämmige Mann dann um, und machte einen aggressiven, provokanten Eindruck. Er wartete offensichtlich auf eine Gegenreaktion, um einen Grund zu finden, mich weiter zu drangsalieren. Ich ignorierte ihn, und war froh, an der nächsten Station auszusteigen. Ich drehte mich immer wieder um, als wir die Bahn verlassen hatten, in der Sorge, er würde uns hinterherkommen.

Wieder ein paar Monate später saß ich in der Küche bei mir in der WG, und unterhielt mich mit meinen Mitbewohnerinnen und einigen Freunden, als eine Kommilitonin eine mehr als verstörende Geschichte erzählte. Sie sei heute auf dem Weg zur Uni am Neuen Markt vorbeigefahren, dem Marktplatz in Rostock, der einen Knotenpunkt der Stadt darstellt und belebt ist. Ein Mann habe sich am helllichten Tag, in Mitten all dieser Menschen, von einem Freund verabschiedet indem er ihm den Hitlergruß gab. Dass das immer noch stattfindet, war mir klar, darüber braucht man sich keine Illusionen machen. Was mich aber erschrak, war die Dreistigkeit dies an einem so öffentlichen Ort zu tun. Kein Mensch habe etwas gesagt, und es hätte keine Proteste der Mitfahrenden gegeben. Der Mann wog sich anscheinend in Sicherheit, und glaubte mit der Aktion davon zu kommen, und er sollte Recht behalten.

„White fragility“: Die eigenen Privilegien hinterfragen

Wenn ich von diesen Erlebnissen erzähle, bekomme ich oft zu hören: „Sei bloß froh, dass dir nichts Schlimmeres passiert ist, und du körperlich unversehrt bist“. Da sträubt sich alles in mir. Es verharmlost nicht nur verbale Diskriminierung, oder einfach nicht körperlich verletzende Diskriminierung, sondern bringt zum Ausdruck, dass man sich glücklich schätzen soll, nicht verprügelt worden zu sein. Eine nun wirklich verdrehte Ansicht. Ich habe selten die Frage von einer nicht POC Person bekommen: „Was kann ich, deiner Meinung nach, tun, um das Problem zu bekämpfen? Was kann ich für dich in solchen Situationen tun? Gab es schon mal etwas, was ich gesagt oder getan habe, dass dich in der Hinsicht verletzt hat?“. Die Meisten werden abwehrend, weil sie sich in ihren eigenen Privilegien verunsichert fühlen – white fragility, statt aktiv dagegen anzugehen.

Es sollte ein rassistisches System hinterfragt werden, dass in jedem von uns verankert ist POC oder nicht. Um in Kürze auf die erste Frage wenigsten hier Antwort zu geben, bildet euch weiter! Lest und hört Stimmen von POC und BPOC, wie Alice Hasters, Tupoka Ogette, Kübra Gümüsay und Hengameh Yaghoobifarah. Diskriminierungserfahrungen muss anerkannt werden. Denn viel zu oft wird BPOC ihre Erfahrung abgesprochen und nicht ernst genommen. Allein dies ist diskriminierend. Denn weiße Menschen entscheiden darüber, was als rassistisch zu werten ist und was nicht, obwohl sie keine Erfahrung damit haben.

Rassismus ist wie ein unterschwelliges Summen

Mein Vater kam mich vor kurzem besuchen. Er wirkte angespannt in den ersten Tagen. Rassismus sei auch hier vermeintlich subtil und unterschwellig, meinte er. Man sei in den Blicken anderer gefangen. In dem Essayband „Eure Heimat ist unser Albtraum“ beschreibt es die Journalistin und Kolumnistin Hengameh Yaghoobifarah folgendermaßen:



Mein Vater hatte Rostock, anhand von Medienereignissen und seiner politisch-geografischen Lage, unter konservativ und rechts verbucht. Er revidierte einige negative Vorurteile die er über Rostock angestellt hatte, und wurde aber auch in einigen bestätigt.

Bei einem Abendessen am Hafen hörte ich wieder seinen Kampfgeist heraus, als er von Moria sprach. Wir haben vielleicht den Rassismus hier zu Lande in den meisten Fällen zur Beiläufigkeit degradiert, sodass er vielen nicht Betroffenen gar nicht mehr auffällt. Aber an den Grenzen Europas, da wird es augenscheinlich. Da verlieren wir alle unsere Würde, meinte er.

Aber auch in meiner Uniblase, die zu großen Teilen aus liberalen und toleranten Kommiliton*innen besteht, fallen viele Dinge auf. In meinem elitären Medizinstudium, in dem viele Studierende aus meist weißen Akademiker*innen Haushalten kommen , ist struktureller Rassismus auch ein Problem. Rassismus schwingt immer mit, in Freiburg und in Rostock, privat und in der Universität. Wie ein Hintergrundsummen, mal lauter, mal leiser. In Moria scheint es gerade unerträglich laut zu sein. Vielleicht sogar so laut, dass Menschen auch hier aufwachen, und ein strukturelles Problem erkennen.

Ein hoffnungsvoller Ausblick

Dennoch, ich bin gerne in Rostock. Nicht zuletzt, weil im Zuge der kürzlich vergangenen „Black Lives Matter“ Demonstrationen, und beim Beobachten von Protesten für eine Seebrücke nach Moria, tolle Aktionen stattfanden. Aktionen, bei denen die Menschlichkeit im Vordergund stand und man sich solidarisierte. Durch Plakate und Sprüche die gerufen wurden - „No justice, no peace!“

Als POC in einer Stadt zu ziehen, in der man meist für sein Aussehen und seine Herkunft beäugt wird, bringt seine Hürden mit sich. Aber der Austausch, die Bereicherung für solch einen Ort sind sichtbar. Man verändert das Stadtbild, allein durch die eigene Anwesenheit. Man nimmt Raum ein. Gerade in einer Stadt in der es wenig diverse Repräsentation von POC gibt.

Und obwohl das nicht unsere Aufgabe ist, Menschen von dem*der „gut integrierten Ausländer*in“ zu überzeugen, und wir mehr zu bieten haben als ein wandelndes politisches Statement zu sein, kann man etwas bewegen.

Das gibt mir Hoffnung.

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