Albanien: Zerstörung des Nationaltheaters im Schatten von Corona

, von  Arnisa Halili

Albanien: Zerstörung des Nationaltheaters im Schatten von Corona
Foto: Pina Bausch Dance Theater Unsplash / DynamicWang / Unplash License

Zwei Tage bevor der Lockdown in Albanien aufgehoben wurde, ereignete sich ein tragischer Vorfall: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion am 17. Mai 2020 zerstörte die albanische Regierung das Nationaltheater in Tirana. Eine Videoaufnahme dokumentierte das illegale Vorgehen der Regierung und erschütterte Kulturschaffende in ganz Europa.

Das Nationaltheater in Tirana oder auch „Theater des Volkes“ genannt (Teatri Popullor) befindet sich auf dem Skenderbeg-Platz im Herzen der Stadt. Das Nationaltheater repräsentiert für viele mehr als nur ein kulturelles Zentrum. Das Gebäude im futuristischen Stil wurde in der Zeit der italienischen Besatzung zwischen 1938 und 1939 gebaut und seine Bautechnik galt für die damalige Zeit als innovativ. Es stand repräsentativ für die Wiege der Kulturinstitutionen Albaniens. Zudem erinnert es an die kommunistische Ära des Landes von 1944 bis 1991.

Hintergrund

2013 wurde Edi Rama (Sozialistische Partei Albaniens), der selbst Künstler und ehemaliger Bürgermeister Tiranas ist, zum Premierminister Albaniens gewählt. Rama wirkte aufgrund seines Hintergrunds als Künstler attraktiv auf viele Wähler*innen und sprach Kulturinstitutionen des Landes Unterstützung zu. An internationaler Bekanntheit gewann Rama nach seinem Ted Talk im Jahr 2014 zum Thema „Erobert eure Stadt mit Farben zurück“. Sein realpolitisches Handeln steht jedoch in einem deutlichen Kontrast zu seinen Versprechungen: 2016 gab es eine Justizreform, die dazu führte, dass das Gerichtswesen bis heute in seiner Funktion eingeschränkt ist. Im selben Jahr kündigte die Regierung die Entstehung eines neuen Gebäudekomplex an, das zunächst in Kooperation mit dem dänischen Stararchitekten Bjarke Ingels geplant wurde. An der Stelle des Nationaltheaters sollen ein Einkaufszentrum sowie Wohnhäuser entstehen mit integriertem neuen Theater. Viele Bürger*innen der Stadt glaubten jedoch nicht daran, dass das Theater gebaut werden würde. Es gab bereits erste Hinweise von Seiten der Stadtverwaltung, dass es nicht genügend Geld für den Bau eines neuen Theaters geben werde.

Dennoch wurde das Bauvorhaben von der albanischen Regierung und die damit einhergehende Zerstörung des Nationaltheaters als Teil der Stadterneuerungsstrategie Tiranas präsentiert, die der Hauptstadt zu einem neuen, modernen und europäischen Image verhelfen solle.

Demokratie in Quarantäne

Bekräftigt wurde die Undurchsichtigkeit des Bauvorhabens zum einen durch das Erdbeben im November 2019 und zum anderen durch die Corona Pandemie. In beiden Fällen ließ die korrupte Regierung den Notstand ausrufen und Projekte wie der Abriss des Nationaltheaters konnten durchgeführt werden. Viele Bürger*innen und Kulturschaffende werfen Edi Rama nun Artwashing vor, denn er habe seine Position als Premierminister des Landes für persönliche Machtinteressen ausgenutzt, darunter auch die Vermarktung seiner eigenen Kunst.

Das Nationaltheater befand sich tatsächlich in einem schlechten Zustand und benötigte eine Renovierung. Kulturschaffende des Landes behaupten jedoch, dass die Regierung das Nationaltheater mit Absicht heruntergewirtschaftet hat, um den Abriss zu legitimieren. Die Lage rund um das Theater zählt nämlich aktuell zu den teuersten Stadtteilen Tiranas.

Anfang Mai ereignete sich ein weiteres Ereignis, das einen Schatten auf das Vorgehen der Regierung wirft: Das Nationaltheater wurde aus dem Besitz des Kulturministeriums auf die Stadt Tirana als Eigentümer übertragen. Damit kann die Regierung europäische Abkommen zum Schutz von Kulturgütern umgehen, in die das Ministerium eingebunden war. Zudem wurde ein Sondergesetz des Parlaments beschlossen, das ermöglicht, Staatseigentum wie die betreffende Immobilie an Private Investor*innen zu verkaufen. Der europäische Denkmalschutz-Verbund Europa Nostra zählte das Nationaltheater in Albanien seit März 2020 zu den sieben meist gefährdeten Baudenkmäler Europas.

Neben Premierminister Edi Rama ist auch die Stadtverwaltung, darunter Bürgermeister Erion Veliaj, in den Abriss des Nationaltheaters verwickelt. Der Präsident Ilir Meta sprach sich mehrmals gegen die Zerstörung des Nationaltheaters aus. Auch die Oppositionsparteien waren gegen die Pläne der Regierung.

Allianz zum Schutz des Theaters

Obwohl Schauspieler*innen in Albanien sowie Kulturschaffende nicht gut bezahlt sind, genießt das Theater und ihre Mitwirkenden ein hohes Ansehen in der Gesellschaft. Seit zwei Jahren engagieren sich Schauspieler*innen, Künstler*innen, Kulturschaffende sowie interessierte Bürger*innen Tiranas gegen den Abriss des Theaters. Gemeinsam haben sie die „Allianz zum Schutz des Theaters“ gebildet (Aleanca per Mbrojtjen e Teatrit) und über Petitionen, Offene Briefe, Demonstrationen, Theateraufführungen in der Öffentlichkeit und über ihre Kampagne in den sozialen Netzwerken #UnëJamTeatri (#IchbindasTheater) für ihr Anliegen gekämpft.

Lindita Komani, Autorin und Besetzerin des Theaters, ist ein bekanntes Gesicht unter den Protestierenden. Sie berichtet von Polizeigewalt am Tag des Abrisses sowie mehreren Festnahmen von Demonstrierenden. Seit Juli 2019 besetzte die Allianz das Gebäude. Auch in Zeiten von Corona haben sie das Gebäude nicht aufgegeben und unter strengen Gesundheitsvorschriften für ihre Forderungen eingestanden.

Nach der Verbreitung des Videos versammelten sich zahlreiche Demonstrant*innen am Tag des 17. Mais vor dem Gebäude und sprachen sich gegen die illegale Vorgehensweise der Regierung aus. Rama hat durch sein Handeln die Menschen vor eine schwierige Wahl gestellt: Entweder dem Abriss ohne Protest begegnen und somit indirekt den autokratischen Stil der Regierung tolerieren, oder öffentlich ihren Unmut zu äußern, sich so aber der Gefahr einer Ansteckung aussetzen.

Europäische Reaktionen

Neben Europa Nostra hat sich auch die Vertretung der Europäischen Union in Albanien mit Sorge zu den Vorfällen in Tirana geäußert. Das Vorgehen der albanischen Regierung wirft Fragen in Bezug auf die EU-Beitrittsgespräche auf. Sowohl die Situation rund um die Pressefreiheit, als auch jüngste Unterwanderungen des Rechtsstaats, lässt die Kritik an Albaniens Politik wachsen. Die Vertretung der Europäischen Union in Albanien hatte die albanische Regierung öffentlich dazu aufgefordert, in den Dialog mit den Bürger*innen zu treten und gemeinsam über den Schutz des Nationaltheaters zu verhandeln.

Für viele Albaner*innen ist der 17. Mai nun ein gebrandmarkter Tag, der das antidemokratische und illegale Vorgehen der albanischen Regierung offenlegt. Kulturerbe wurde zerstört, um neoliberale Bauvorhaben der Regierung umzusetzen. Dabei wird das Nationaltheater Albaniens nicht die erste und letzte Kulturerbestätte sein, die der albanischen Regierung zum Opfer fallen wird.

Solidarität mit Tirana

Die Kulturschaffenden in Albanien brauchen die Unterstützung der internationalen Kulturgemeinschaft mehr denn je. Neben Corona erschwert nun auch die politische Lage die Situation der Kulturinstitutionen vor Ort. Es ist daher wichtig, auf die aktuell vorherrschenden Zustände auf europäischer Ebene aufmerksam zu machen. Viele Kulturschaffende fordern dazu auf darüber nachzudenken, ob Politiker*innen wie Edi Rama eine internationale Bühne, wie auf der TedX-Plattform geboten werden kann. Eine Möglichkeit der Unterstützung besteht darin, den offenen Brief „Stop Artwashing Edi Rama’s Politics“ an die internationale Kunst- und Kulturgemeinschaft zu unterschreiben.

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