Zwanzig Jahre Erasmus

Wir sind alle Erasmus!

, von  Übersetzt von Nina Henkelmann, Marta Semplici

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Wir sind alle Erasmus!

2007 feiert das Erasmus-Programm seinen 20. Geburtstag. Eine gute Gelegenheit um den großen Erfolg des Programms, das bereits 1,2 Millionen europäischen Studenten ein Stipendium verliehen hat.

Die neusten Berichte der nationalen Sokrates-Agenturen bestätigen für die letzten Jahre einen Anstieg um 9,4% der Gesamtzahl von Studenten und Dozenten, die am europäischen Mobilitätsprogramm teilnahmen. Das Ziel der Kommission ist es, bis 2011 insgesamt drei Millionen Studenten, d.h. jährlich mindestens 300.000, zu fördern. Warum sollte der Enthusiasmus, der die Studenten des Erasmus-Programms motiviert, nicht die Gesamtheit der europäischen Studenten und Dozenten ergreifen? Die Idee eines europäischen Universitätssystems, das mit dem amerikanischen und dem anderer Schwellenländer konkurrieren kann, sollte keine Illusion bleiben.

Das Ziel der Kommission ist es, bis 2011 insgesamt drei Millionen Studenten, d.h. jährlich mindestens 300.000, zu fördern

Die Universitäten haben eine Schlüsselrolle im Europa der Zukunft: angefangen von den hohen Zahlen von 4.000 Institutionen, 17 Millionen Studenten und 435.000 Forschern bis hin zur Geschichte und Exzellenztradition eines der ältesten Universitätssysteme der Welt. Heute gelingt es aufgrund der extremen Parzellierung der Institute und deren Angebote jedoch nicht, das enorme Potential auszuschöpfen. Die große Vielfalt an Bildungssystemen, die jeweils den verschiedenen lokalen, regionalen und nationalen Bedürfnissen entsprechen, ist in Wirklichkeit ein Reichtum, der auf europäischer Ebene aufgewertet werden kann, um so auf die wirtschaftlichen und technologischen Veränderungen, die wir zu bewältigen haben, zu reagieren.

Die Zahlen des Erasmus-Programms bestätigen, dass sich die jungen Europäer vor Reisen und Studieren im Ausland nicht scheuen. Von vielen Seiten wird bekundet, dass die Erasmus-Studenten die Europäer der Zukunft seien: Personen, die mehr als eine Sprache sprechen, an Reisen und Leben außerhalb ihres Heimatlandes gewöhnt sind und ihre europäische Erfahrung als Toleranz- und Solidaritätszugewinn zu schätzen wissen. Ein solches Programm steht zurzeit allerdings ausschließlich den Universitätsstudenten – und nur wenigen unter ihnen – offen. Die Zahl der Menschen, die von dieser Errungenschaft, die uns das vereinte Europa bietet, profitieren können, bleibt vergleichsweise gering. Daher steht fest, dass zur Herausbildung eines wirklich konkurrenzfähigen europäischen Systems sechsmonatige Aufenthalte weniger Studenten und Dozenten an einer ausländischen Universität nicht ausreichen.

Der neue Vorschlag der Kommission: einheitliche Universitätsabschlüsse

Das Erfolgsrezept wäre dasjenige, das Mobilität mit Qualität der Lehrveranstaltungen verknüpft und diese Merkmale zur Regel und nicht zur Ausnahme macht. Einerseits stellt die Möglichkeit, sich einen europäischen Studienverlauf zu erstellen, eine unbestreitbare Bereicherung dar; andererseits würde die Schaffung eines wirklichen europäischen Netzwerkes für Studenten und Dozenten in finanzieller und struktureller Hinsicht die stärksten Einrichtungen begünstigen und die kleineren, die – zumindest in Italien – über ein veraltetes und begrenztes Bildungsangebot verfügen, bestrafen.

Die Europäische Union hat mehrmals versucht, die enorme Bedeutung der Bildung auf europäischer Ebene zu bekräftigen. Heute zeichnen sich mögliche neue Fortschritte ab: erstens die guten Absichten – auch wenn sie noch in die Praxis umzusetzen sind – des Bologna-Prozesses; zweitens der neue Vorschlag der Kommission, mit dem sie die Vereinheitlichung der Studienabschlüsse vorantreiben will. Letzterer ist eines der konkreten Ergebnisse des Arbeitsprogramms „Bildung und Ausbildung 2010“, das infolge des Europäischen Rates von Lissabon im Jahr 2000 auf den Weg gebracht und von den Räten im Frühjahr 2005 und 2006 explizit gefordert wurde.

Noch viele Hindernisse aus dem Weg zu räumen

Bislang bremsen insbesondere zahlreiche fortbestehende Hindernisse innerhalb Europas das Erreichen beider Ziele. Das Europäische Leistungspunktesystem (ECTS: European Credit Transfer System) hat noch nicht zu einer größeren Mobilität der Studenten geführt. Die Creditpoints stellen zwar ein von allen Universitäten anerkanntes System dar, aber schließlich sind es die Universitäten selbst, die ähnliche im Ausland absolvierte Lehrveranstaltungen nicht anerkennen, wenn diese nicht identisch mit denen der Heimat-Uni sind. Nicht nur bei der Anrechnung von Studienleistungen bestehen große Schwierigkeiten sondern auch bei der Anerkennung von Studienabschlüssen, vor allem dann, wenn man sich in einem anderen Land um eine Promotion oder einen Masterstudienplatz bewerben will.

die Nichtanerkennung der Qualifikationen und die nationalen Zugangsvoraussetzungen zu Stipendien und universitären Unterkünften hindern die Studenten, Forscher und Lehrenden daran, die gesamten Angebote im Ausland nutzen zu können.

Die vielen bürokratischen Hürden schaden der Mobilität derjenigen, die im Ausland studieren, forschen oder eine akademische Laufbahn einschlagen wollen. Auch wenn solche Vorhaben nicht verboten oder unmöglich sind, so bleiben sie zumindest schwer realisierbar. Im besten Fall lösen sich die Probleme mit der Zeit, im schlimmsten hindern die Nichtanerkennung der Qualifikationen und die nationalen Zugangsvoraussetzungen zu Stipendien und universitären Unterkünften die Studenten, Forscher und Lehrenden daran, die gesamten Angebote im Ausland nutzen zu können.

Im Mai 2006 hat die EU-Kommission in einer Mitteilung ihre Position zur Zukunft der europäischen Universitäten dargelegt. Es handelt sich jedoch um ein Dokument, das lediglich Empfehlungscharakter hinsichtlich der zukünftigen Veränderungen in diesem Bereich hat, zugleich aber eine wichtige Bestätigung auf dem Weg in Richtung Harmonisierung der Universitätssysteme darstellt. Nun sind die Mitgliedstaaten selbst aufgefordert, diese Empfehlungen durch konkrete Maßnahmen umzusetzen.

Bildung bietet die beste Möglichkeit, europäische Vielfalt zum Ausdruck zu bringen

Im Anschluss daran hat die Kommission am 5. September 2006 einen Empfehlungsvorschlag des Europäischen Parlaments und des Europäischen Rates zur Einrichtung eines Europäischen Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen (EQR) verabschiedet. Dieser enthält acht Referenzniveaus zur Beschreibung der Kompetenzen und Fähigkeiten einer Person. Sie reichen „vom allgemeinen und beruflichen Pflichtschulabschluss bis zu Qualifikationen, die auf der höchsten Stufe akademischer oder beruflicher Aus- und Weiterbildung verliehen werden.“ Der Entwurf liegt derzeit zur Prüfung beim Europäischen Parlament vor; die Verabschiedung ist für 2007 vorgesehen. Die EU-Länder müssen dann bis 2009 ihre nationalen Qualifikationssysteme dem EQR anpassen. Dies ermöglicht den einzelnen Bürgern und Arbeitgebern die Verwendung einer gemeinsamen Sprache zur Bewertung der Qualifikationsniveaus der verschiedenen Länder und Bildungs- und Ausbildungssysteme Europas.

Die Zeit bis dahin ist noch lang, aber die Entwicklung der Europäischen Union in diesem Bereich zeigt, dass sie eben nicht nur ein Vorhaben wirtschaftlicher Natur ist. Außerdem verdeutlicht sie auf diese Weise die zentrale Rolle von Bildung und Ausbildung, die für eine volle Ausschöpfung des Potentials der Union und ihrer Bürger notwendig ist. Bildung wirkt nicht nur als Motor für Innovation und sozialen Wandel, sondern bietet auch die beste Möglichkeit, europäische Vielfalt zum Ausdruck zu bringen und bei allen europäischen Bürgern ein Zugehörigkeitsgefühl zu Europa zu fördern.

Wäre es in Zeiten mangelnden Vertrauens in die Gemeinschaftsinstitutionen nicht besser, auf den Ausbau eines Erfolgsprogramms wie Erasmus zu setzen?

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