Die Europäer misstrauen der Europäischen Union zunehmend. Zu diesem Ergebnis kommt die Umfrage des Eurobarometers in den sechs größten EU-Mitgliedsstaaten. Was die Zahlen nicht sagen: Die Vertrauenskrise der EU ist vor allem eine Legitimitätskrise.

Was bedeutet eigentlich Vertrauen in Politik? Geht es um das Vertrauen in Führungspersönlichkeiten, das Vertrauen in Institutionen oder das Vertrauen in Verträge? Egal welcher Maßstab angesetzt wird: Die Europäische Union hat das Misstrauen ihrer Bürger verdient. Ihre Führungsköpfe von Barroso über Van Rompuy bis Ashton sind weiten Teilen der Öffentlichkeit unbekannt. Menschen können Gesichtern vertrauen - der EU fehlt ein Gesicht. Ihre Institutionen erscheinen den Bürgern im besten Fall als bürokratische Kraken. Und ihre Verträge waren in der Vergangenheit oftmals das Papier nicht wert, auf dem sie geschrieben wurden, man denke an die Maastricht-Kriterien oder die No Bail Out-Klausel. Verschärft wird die Situation durch die anhaltende Eurokrise. Regierungschefs sind auf Gipfeln in Brüssel zu schnellen Entscheidungen gezwungen und verkünden am frühen Morgen mit müden Augen die Ergebnisse des nächtlichen Verhandlungsmarathons in die internationalen Fernsehkameras. Die Parlamente und die Bürger können da scheinbar nur noch eins – abnicken.

Die EU hat das Misstrauen ihrer Bürger verdient

Das Ergebnis erhält die EU nun Schwarz auf Weiß in der Eurobarometer-Umfrage der Europäischen Kommission. Die Umfragedaten stammen aus dem Jahr 2012. In Deutschland hegen laut Eurobarometer mittlerweile 59 Prozent der Bürger offenes Misstrauen gegenüber der EU. Vor fünf Jahren gaben hingegen nur 36 Prozent der Befragten an, der EU kein Vertrauen mehr zu schenken. Noch düsterer ist die Lage in Südeuropa: In Spanien misstrauen mittlerweile 72 Prozent der Befragten der EU (2007: 23 Prozent), in Italien stieg das Misstrauen in den vergangenen fünf Jahren von 28 auf 53 Prozent an. In Frankreich haben laut Eurobarometer 56 Prozent der Befragten die Zuversicht in die EU verloren. Einzig in Polen gab eine Mehrheit der Befragten an, der EU zu vertrauen.

Was sind die Gründe für den rapiden Vertrauensverlust in die EU? Auf den ersten Blick erscheinen die hohe Arbeitslosigkeit in Südeuropa und die zunehmenden Unzufriedenheit über den europäischen Sparkurs verdächtig. Allerdings kann dies das Misstrauen im wirtschaftlich starken Deutschland kaum erklären. Bundespräsident Joachim Gauck hat in seiner europapolitischen Grundsatzrede die richtigen Worte gefunden: „Diese Krise hat mehr als nur eine ökonomische Dimension. Sie ist auch eine Krise des Vertrauens in das politische Projekt Europa.“ Gauck hat damit recht: Europas Vertrauensproblem geht nicht nur auf ökonomische Gründe zurück. Seine Wurzel liegt in einem Legitimationsdefizit der Europäischen Union.

Stärkung der europäischen Demokratie

Der Vertrauensverlust in die europäische Staatengemeinschaft erfordert einen strukturellen Umbruch. Diese Weichenstellung darf nicht nur die Währungsunion, sondern muss das gesamte institutionelle System der EU betreffen. Bereits im Juni 2012 nannte der Präsident des Europäischen Rates, Herman Van Rompuy, deshalb die „Stärkung der demokratischen Legitimität und Rechenschaftspflicht“ der EU als elementare Herausforderung der Zukunft. Doch über den Weg dorthin herrscht Uneinigkeit.

Mehr Demokratie für Europa wagen. Dieser blumige Satz wird häufig zitiert. Doch was heißt das konkret in einer Zeit, in der eine Mehrheit von Bürgern der europäischen Integration mit Misstrauen begegnet? Eine Zeit, in der die Euroskepsis wie ein „Virus“ um sich greift, wie es der spanische Politologe José Ignacio Torreblanca beschreibt? Es geht es darum, politische und rechtliche Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine echte Teilhabe der Bürger an supranationalen Entscheidungsprozessen ermöglichen. Dafür braucht es Kontrolle und Transparenz. Schauen wir zu unserem Nachbarn Dänemark: Das skandinavische Land hat einen einflussreichen EU-Parlamentsausschuss, der seiner Regierung vor Verhandlungen in Brüssel ein Mandat auferlegen kann. Das nationale Parlament ist damit ein echter, debattierender Teil von europäischen Entscheidungsprozessen. Gewiss: Die Eurobarometer-Umfrage ergibt auch in Dänemark kein höheres Vertrauen in die EU oder die Regierung. Doch das Beispiel zeigt einen möglichen Weg auf.

Strukturdebatte als Schlüssel

Das Vertrauen in Europa ist untrennbar mit der Frage der demokratischen Legitimation verbunden. Die Europäer sollen sich nicht mehr als machtlose Subjekte der Politik aus Brüssel fühlen, sondern als aktive Bürger einer kontinentalen Gemeinschaft handeln können. Abseits von ökonomischen Themen muss deshalb eine Debatte um strukturelle Reformen geführt werden. Denn Demokratie ist in gewisser Weise nichts anderes als eines: institutionalisiertes Misstrauen.