Der Mann

Wer ist im Moment der wichtigste Akteur in Europa? Merkel, Sarkozy, Frau Lagarde oder mag vielleicht noch ein Experte auf das Schattengenie aus dem „Nicht-Land“ [1], Herrn van Rompuy, hinweisen? Nein, der Mann der Europa denkt und lenkt heißt im Moment Thomas Wieser und ist Österreicher.

Thomas Wieser ist Chef der neu gegründeten Euro Taskforce. Hierbei handelt es sich nicht um die kürzlich zu neuem Ruhm gelangte Griechenland Taskforce, die ihren Sitz in Athen mit gepanzerten Fahrzeugen beziehen musste. Die Euro Taskforce durfte in Brüssel bleiben und ist letztendlich nichts anderes als die Verlängerung des schon bestehenden Wirtschafts- und Finanzausschusses. Beriet dieser ursprünglich die Minister, hat er durch die Finanzkrise an Bedeutung gewonnen und berät heute direkt die Staats- und Regierungschefs. Herr Wieser ist der Chef dieser Gruppe, und bei unseren Merkozys und Montis ein gern gesehener Gast [2].

Seine Macht

Ist das genug um Europa zu steuern? Ja, das ist es. Um dies zu verstehen, muss man sich nur einmal zwei Sachen vor Augen führen: erstens, wo früher noch Entscheidungen in langwierigen Verhandlungen von Ministerrat und Parlament getroffen wurden, tut dies in Krisenzeiten effektiv der Europäische Rat [3]. Zweitens, unsere Regierungschefs haben, ausgenommen vom Italiener Monti, keine Ahnung von Wirtschaft. Frau Merkel kann die Spannung am Widerstand Glühbirne messen, die Folgen einer Griechenlandpleite wohl kaum. Sarkozy kennt höchstwahrscheinlich das Werk Machiavellis, den wirtschaftlichen Effekt einer Aussetzung von Schengen kann er aber sicherlich nicht voraussagen (sonst wäre er wohl vorsichtiger mit seinen Aussagen). Mit diesem Hintergrundwissen kann man erahnen, welche Macht das Wort eines weisen Ökonomen haben muss. Es wäre übertrieben von Marionetten zu sprechen, aber die, die uns lenken, sind zurzeit abhängig.

Und warum uns das nicht gefallen kann.

Das ist doch eigentlich nicht schlecht für Europa. Experten helfen unseren Politikern bei ihrer Arbeit. Möge man denken. Doch was ist mit der Politik? Sprechen wir heute über Griechenland reden wir über Schuldenschnitte, über Zinsen, über Anleger, Banken und Reformen. Ist dies Griechenland? Ist das Europa? Das Thema Griechenland ist ein Präzedenzfall in der EU, und testet das Prinzip unserer Solidarität. Im Vertrag von Maastricht ist dieses manifestiert in Artikel 3(5): die Union soll zu Solidarität und gegenseitigem Respekt ihrer Völker beitragen. Während es fraglich ist, ob wir sich unsere gewählten Vertreter dieses Prinzips bewusst sind oder nicht, ist es sogar noch schlimmer, dass wir es nicht sind. Reden wir darüber, wie den 48% jungen Griechen, die ohne Job sind, geholfen werden kann? Reden wir darüber, dass wenn wir keine Anreize schaffen, auch die letzten Qualifizierten Helenen das Weite suchen werden? Reden wir davon die Krise zu nutzen um endlich entscheidende Schritte wie eine europäische Sozialpolitik zu machen? Wir tun dies nicht, und die Politik ist gefangen im ökonomischen Diskurs, den sie nicht kontrolliert.

Europa geht dahin, wohin es Herr Wieser für richtig hält. Niemand hat ihn gewählt, die wenigsten kennen ihn. Er wird prägen, was wir vielleicht später die EU-Wirtschaftsregierung nennen werden [4]. Es liegt an uns jetzt die Stimme zu erheben. Europa ist nicht nur Wirtschaft, Europa kann mehr. Europa, das sind Werte, Freundschaft, Kooperation und, ja, Solidarität. Bitte Thomas denk daran.