In Europa ist es in den letzten Jahren zu einem Steuerwettbewerb zwischen den Staaten gekommen (Abwärtsspirale), der am Ende vor allem multinationalen Konzernen und reichen Individuen (Manager + Großaktionäre) genutzt hat. Deshalb brauchen wir eine einheitliche (hohe) Besteuerung in ganz Europa, die einen angemessenen Sozialstaat ermöglicht. Die Transferunion ist essenziell, um den berechtigten Hoffnungen der jüngeren europäischen Mitgliedstaaten auf sozialen Aufstieg gerecht zu werden. Wohlstandsunterschiede stoßen auf das Unverständnis unserer europäischen Mitbürger, sind nicht länger vermittelbar und sollten durch Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Forschung mittelfristig ausgeglichen werden. Wer mit uns in einem Boot sitzt, hat ein Recht auf den gleichen, auf unseren Lebensstandard!

Tatsächlich haben die peripheren EU-Mitglieder bisher einen hohen Preis für ihren Platz in Europa bezahlt. Sie sind für die europäischen Außengrenzen verantwortlich (Schengen-Abkommen) und der grenzüberschreitende Handel zwischen ihnen und angrenzenden Nicht-EU-Mitgliedern ist erlahmt, da die Zollunion zwar den EU Binnenmarkt belebt, aber wenig durchlässige Außengrenzen hat und somit regionalen Handel an ihren Rändern eindämmt. Darüber hinaus schränken die EU Außengrenzen natürlich auch den grenzübergreifenden Personenverkehr ein. In den Grenzregionen der EU entstehen dadurch periphere Räume, die unter massiven wirtschaftlichen und sozialen Problemen zu leiden haben.

Die Waren- und Personenströme in der EU verdichten sich zum Kern hin und nehmen in der Peripherie ab. Auch verlagern sie sich in Ballungszentren und ziehen sich zunehmend aus ländlichen Regionen zurück. Bleibt die EU bei ihrer derzeitigen Ausdehnung, haben periphere Staaten (v.a. im Süden und Osten der EU) keine Chance, von sich aus den Sprung zum „Staat ersten Ranges in Europa“ zu schaffen, was den Unmut ihrer Bürger langfristig entfachen und nationalistischen Strömungen Auftrieb verleihen kann. Sie sind tendenziell weniger dicht besiedelt, haben eine schlecht ausgebaute Infrastruktur und befinden sich im wenig frequentierten Raum. Ruft man sich jetzt noch ins Gedächtnis, dass ein Beitritt zur Eurozone Länder mit geringer technologischer Entwicklung tendenziell benachteiligt, Zollunion und die in den Verträgen festgelegte Preisniveaustabilität den Staaten wesentliche volkswirtschaftliche Steuerungsmechanismen raubt, so überraschen die gegenwärtigen Entwicklungen keineswegs.

Niedrige Löhne und niedrige Steuern sind nur die logische Konsequenz, um in irgendeiner Weise noch wettbewerbsfähig zu bleiben. Nun kann man natürlich einwenden, dass die Löhne gerade in den östlichen EU Staaten in den letzten Jahren stark angewachsen sind. Dies ist aber Augenwischerei, denn erstens taten sie das nicht in dem Maß, wie es mit höheren Transferzahlungen möglich gewesen wäre. Zweitens handelt es sich hier oftmals um Folgen der gesellschaftlichen Transformation vom Kommunismus hin zur Marktwirtschaft, mit der schmerzhaften Nebenwirkung des radikalen Rückbaus sozialer Sicherungssysteme, die vom Staat nicht länger gewährleistet werden können. Auch verliert man bei der Betrachtung steigender Lohnniveaus leicht die zunehmende Lohndifferenzierung sowie steigende Preise bei der Grundversorgung aus den Augen.

Nicht außer Acht lassen darf man weiterhin, dass die anhaltenden Außenhandelsüberschüsse einiger Kernstaaten durchaus mit den anhaltenden Leistungsbilanzdefiziten der Peripheriestaaten zusammenhängen. Leistungsbilanzdefizite setzen die öffentlichen Finanzen zusätzlich unter Druck, was sich wiederum oftmals auf die Sozialpolitik auswirken kann. Massive Investitionen wären nötig, um diese unhaltbare Situation zu überwinden, doch diese können die Peripheriestaaten, die kaum über eigenes Kapital verfügen nicht schultern. Die Transferunion, sie wäre der nötige Anfang.

Schließlich haben vor allem die östlichen Mitgliedsländer durch Deregulierungs- und Privatisierungsmaßnahmen einen drastischen gesellschaftlichen Wandel vollziehen müssen, der das soziale Gefüge ihrer Staaten enorm belastet hat. Die Akzeptanz der Bürger dieser Staaten für das „westliche“ Demokratiemodell hat darunter stark gelitten. Es gilt, diese Menschen durch einen sozialen Aufstieg für „westliche Werte“ und eine europäische Gesellschaft zu gewinnen. Auch der soziale Friede hat seinen Preis, doch er ist es vor dem Hintergrund europäischer Errungenschaften (Friede, grenzfreier Raum, Wohlstand und Sicherheit) allemal wert.

Man muss im Lichte dieser Entwicklungen die Rollen der „europäischen Transfergesellschaft“ neu besetzen. Die europäischen „Zahlmeister“ sitzen in der europäischen Peripherie und wir als Kerneuropa profitieren in puncto Sicherheit und Wohlstand über alle Maßen. Der Parasit sind wir!

Serie: Die Transferunion ist nicht genug

Den gesamten Dezember lang widmet sich Christoph Sebald jeden Freitag dem Thema Transferunion.