Nach einem triumphalen Ergebnis bei der Bundestagswahl steht Angela Merkel vor einer dritten Amtszeit als Bundeskanzlerin. Die Wahl ist ein Vertrauensbeweis der deutschen Bevölkerung, aber auch ein starkes Mandat für die Politik der Kanzlerin. Merkel steht am Zenit ihrer Macht. Was bedeutet das Wahlergebnis für den europapolitischen Kurs Deutschlands - und wie sieht Angela Merkels Plan für Europa aus?

Angela Merkel ist auf dem Höhepunkt ihrer Macht angekommen. Mit ihrer Christlich-Demokratischen Union kratzte die Kanzlerin bei der Bundestagswahl an der absoluten Mehrheit. 41,5 Prozent der Stimmen gingen an die Union - das hatten selbst kühnste Optimisten nicht erwartet. Es ist ein ganz persönlicher Erfolg für die Bundeskanzlerin. Denn Merkel, gleichwohl beliebt bei den Deutschen, konnte ihre Partei bislang nicht mitziehen. 2005 gelang ihr die sicher geglaubte Kanzlerschaft nur um Haaresbreite, 2009 brachte sie das starke (Leihstimmen-)Ergebnis der Liberalen ins Amt. 2013 ändert sich das: Merkel hat die Union mit ihrer Popularität wieder zu einer Volkspartei gemacht und wird voraussichtlich in einer Großen Koalition oder einem schwarz-grünen Bündnis weiterregieren. Nur zwei Kanzler wurden bislang in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in eine dritte Amtszeit gewählt: Konrad Adenauer (1949 bis 1963) und Helmut Kohl (1982 bis 1998). Zwei Kanzler, die historische Beiträge zur europäischen Integration geleistet haben. Umso spannender ist die Frage, wie Angela Merkel in den nächsten vier Jahren Europa verändern wird.

Hierzu bedarf es zunächst eines Rückblicks: Angela Merkels Rückhalt in Deutschland erklärt sich maßgeblich auch über ihren europapolitischen Kurs in den vier vergangenen Jahren. Darüber kann auch das Abschneiden der Alternative für Deutschland (AfD) nicht hinwegtäuschen. Die Euro-kritische Partei verpasste den Einzug in den Bundestag nur knapp. Die AfD zeigte sich als ein Sammelbecken für Protestwähler und Euroskeptische Ressentiments in allen politischen Lagern.

Sicher: Die Kanzlerin erklärt ihre Politik kaum und sorgt damit für Skepsis. Doch an ihrem klaren Bekenntnis zu Europa kann kein Zweifel bestehen. Mit einer, für ihre Verhältnisse außergewöhnlichen, Leidenschaftlichkeit nannte Merkel beim Wahlkampfabschluss der CDU die europäischen Werte Meinungsfreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit und Religionsfreiheit den „Schatz unseres Lebens“.

Ein Blick auf die Krisenstrategie der Kanzlerin macht zudem deutlich, dass ihre Europapolitik auf zwei klaren Prinzipien beruht: Solidarität und Eigenverantwortung. Die Kanzlerin koppelte finanzielle Unterstützung für notleidende EU-Staaten an Strukturreformen und Sparmaßnahmen. Mit Bürgschaften und dem permanenten Rettungsfonds ESM wurden gleichzeitig Schritte gemacht, um den Krisenländern Zeit für die Konsolidierung zu verschaffen.

Solidarität und Eigenverantwortung - diese Wertverbundenheit ihrer Außenpolitik erklärte die Kanzlerin den Bürgern konsequent und glaubhaft. Das wurde bei der Bundestagswahl honoriert. In Leitlinien haben die Deutschen damit Kontinuität auch in der Euro-Frage gewählt. Zumal die künftigen Koalitionspartner SPD und Grüne die Europapolitik der Kanzlerin in einem breiten parlamentarischen Konsens stets gestützt haben – mit Hinweis auf notwendige, verstärkte Investitionen in die Krisenländer.

Viel wird nun darüber gerätselt, wie Angela Merkels Plan für Europas Zukunft aussieht. Wir können nicht in den Kopf der Kanzlerin hineinsehen, doch es zeichnet sich in ihren Aussagen ein klares Profil ab. In ihren Wahlkampfreden führte die Bundeskanzlerin eine Formel auf: 7 Prozent der Weltbevölkerung leben in der Europäischen Union, die Europäer produzieren 25 Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts und geben 50 Prozent der Sozialleistungen auf dem Erdball aus. Der Merkel‘sche Dreisatz aus Geopolitik, Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand scheint das Leitmotiv für ihre europäischen Zukunftsvorstellung zu sein.

Die Wege dorthin sind vielfältig. In einem Interview mit dem Fernsehsender Phoenix sagte die Bundeskanzlerin in diesem Jahr: „Mehr Europa ist mehr als nur Verlagerung einer Kompetenz vom Nationalstaat nach Europa. […] So werden wir darüber reden: Brauchen wir noch mehr Kompetenzen für Europa oder geben wir mal wieder was zurück?" Sprich: Mehr Europa ist für Merkel nicht automatisch mehr Brüssel. Die Kanzlerin gilt der Europäischen Kommission gegenüber als kritisch gesinnt und erklärte, dass sie keine weiteren Kompetenzen an die Kommission abgeben wolle.

Merkels Kurs scheint auf einen anderen Pfad zu führen. Stefan Kornelius beschreibt in einem Debattenbeitrag für Spiegel Online Merkels Schlussfolgerungen aus der Euro-Krise: „Die Antwort der Kanzlerin: Besser wird es, wenn es die Nationalstaaten machen. Dafür hatte sie gewichtige Argumente parat. Den Bürgern stand nirgendwo der Sinn nach mehr Brüssel, außerdem waren die politischen Systeme in Europa - gerade bei Steuern oder im Sozialen - zu unterschiedlich. Auch wollte Merkel die Europäischen Verträge nicht öffnen, das Risiko dabei war einfach zu groß. Die Entscheidung stand fest: Die Nationalstaaten sollten es richten und dazu Verträge untereinander schließen.“

Ein Beispiel dafür ist der Europäische Fiskalpakt. Ein Pakt unter 25 EU-Mitgliedsstaaten für mehr wirtschafts- und finanzpolitische Koordinierung in Europa, der ohne Großbritannien und Tschechien geschlossen wurde. Die Kanzlerin wird ein Europa der zwei Geschwindigkeiten demnach im Ernstfall in Kauf nehmen – und eine vielbeschworene „Politik der kleinen Schritte“ auch in EU-Fragen fortsetzen. Mehr nationalstaatliche Kompetenz und eine verstärkte intergouvernementale Koordinierung erhalten auf diesem Weg den Vorzug vor einer institutionellen Vertiefung der Europäischen Union.

Wie auch immer Merkel handelt wird sie in der Pflicht stehen, ihre Politik den Bürgern auf dem ganzen Kontinent besser zu erklären. Ob sie jemals die erhoffte flammende Rede für Europa halten wird ist zu bezweifeln. Doch sie muss gemeinsam mit ihren europäischen Partnern die Menschen auf den Weg in die politische Zukunft Europas mitnehmen.

Abseits aller Spekulationen ist an diesem Tag festzuhalten: Angela Merkel hat durch die Bundestagswahl ein starkes Mandat für ihre dritte Amtszeit bekommen. Daraus erwächst große Verantwortung. Für Deutschland, aber auch für Europa.