Europa City: Was wenn Europa sich eine neue Hauptstadt wählte? (1/3)

, von  Maël Donoso, Übersetzt von Luise Papcke

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Europa City: Was wenn Europa sich eine neue Hauptstadt wählte? (1/3)

Sollte Europa sich auf föderale Weise entwickeln, könnten die Europäer dieses Ereignis mit einer starken politischen Aktion feiern: Warum nicht eine neue Hauptstadt gründen?

Könnte Brüssel, als aktueller Sitz der Europäischen Union, Hauptstadt eines föderalen Europas werden? Vielleicht, aber Brüssels Merkmale sind nicht gerade ideal. Einerseits war es eher Zufall, dass Brüssel zum 1993 zunächst vorläufigen Sitz der Institutionen der EWG wurde. Außerdem ist Brüssel weiterhin vor allem Hauptstadt Belgiens, während andere politische Zentren föderaler Staaten (man siehe Washington DC, Brasilia, Neu Delhi, Canberra, etc.) meist einen besonderen Autonomie-Status haben.

Durch eine neue Hauptstadt die europäische Einheit stärken

Indem sie die Geister wie Landkarten nachhaltig prägen würde, könnte die Gründung einer neuen Hauptstadt besser als jede andere Aktion katalysatorisch wirken für das weitere Zusammenwachsen der Europäischen Union. Wenige Dinge haben soviel politische Bedeutung wie die geographische Landkarte: Eine neue Stadt, von Grund auf europäisch, würde dem föderalen Europa konkrete Gestalt und ein Gesicht geben jenseits der einzelnen Mitgliedstaaten der Union.

Eine Stadt zu gründen ist immer ein großer historischer Moment, genau die Art von Ereignis dessen es den Europäern bedarf. Wann hat de Union bisher etwas Größeres gegründet als ein Gebäude oder eine Verwaltungszone? Euroskeptiker haben leichtes Spiel mit ihrer Behauptung, dass Europa kein Staat ist und die Europäer kein Volk, denn bisher haben sie nicht ganz Unrecht damit. In den Köpfen der Menschen ist ein Volk eine Gruppe von Menschen, die sich auf einem Gebiet niederlassen und dort ihre Städte aufbauen, aber wir haben bisher als Europäer noch nichts dergleichen getan.

Dies aber müssen wir im Kopf behalten, weil wir die Uneinigkeiten der Vergangenheit überwinden wollen und wissen, dass Staaten weder unbeweglich noch unüberwindbar sind, wie es sich noch in den Köpfen der Souveränisten darstellte, und weil wir ein föderales Europa schaffen wollen, das besser als die bestehenden Nationalstaaten ist. Eine Hauptstadt zu gründen ist ein effizientes Mittel, die europäische Einigkeit zu verkünden, indem man einen Raum schafft, der allen Europäern gleichermaßen gehört und der ihnen erlaubt, Entscheidungen im Namen Europas zu treffen.

Die praktischen Vorteile einer europäischen Hauptstadt

Jenseits der symbolischen Bedeutung würde die Gründung einer neuen Hauptstadt (nennen wir sie hier doch zunächst Europa-City) eine Reihe praktischer Vorteile mit sich bringen. Zunächst wäre Europa City anders als Brüssel ein autonomes Territorium und nicht zugleich die Hauptstadt einer der Mitgliedsstaaten. Die Stadt wäre somit insgesamt unabhängiger und könnte dahingehend optimiert werden, den Ansprüchen einer föderalen Administration gerecht zu werden.

Zweitens würde Europa City auf einem städteplanerisch gesehen noch unberührtem Territorium konstruiert werden und böte somit alle erdenklichen städteplanerischen Möglichkeiten. Nicht mehr auf den Brüsseler Administrationsbereich beschränkt, könnten die europäischen Institutionen in andere Bereiche eingebettet werden: Wohngegenden, universitäre, kulturelle und Gewerbegebiete, in Freizeitbereiche etc. Die Regierung des föderalen Europas würde sich einfügen in eine neue und lebhafte Stadt, anstatt in eine rein administrative Zone eingepfercht zu sein.

Man wird ohne Zweifel ihre Kosten gegen die Gründung einer Hauptstadt anführen, genauso wie die Tatsache, dass die europäischen Institutionen bereits in Brüssel und Straßburg etabliert sind. Hierauf könnte man erwidern, dass der Transfer von Hauptsitzen noch nie ein seltenes Ereignis war und dass eine föderale Hauptstadt genügend Vorteile hat, um eine solche Investition zu rechtfertigen. Man kann hier auch die gewonnene Zeit und beträchtliche Menge Energie anführen, die die Zusammenlegung aller verschiedenen Institutionen in eine Stadt bewirken würde. Die institutionelle Teilung zwischen Brüssel und Straßburg ist schließlich nicht ohne Grund Ziel zahlreicher Kritik.

Daneben wäre die Gründung einer europäischen Hauptstadt die Gelegenheit für die besten Urbanisten und Architekten der Welt, an mutigen Projekten teilzunehmen, und wäre damit eine Chance, in Europa Kompetenzzentren in diesen Bereichen zu kreieren und anzuziehen. Gleichzeitig könnte man eine Stadt vollständig nach den Kriterien der nachhaltigen Entwicklung erbauen. Schließlich hätte die Gründung von Europa City sehr positive diplomatische und kulturelle Konsequenzen, indem Europa mit ihr über eine der modernsten und dynamischsten Hauptstädte der Welt verfügen würde.

Beispiele föderaler Hauptstädte

Wenn auch das Projekt der Gründung einer europäischen Hauptstadt zunächst weit hergeholt erscheint, ist es alles andere als absurd und wir können diesen ersten Abschnitt dieses Artikels mit dem Verweis auf einige Vorgänger schließen. Die Vereinigten Staaten zum Beispiel beschließen ihre föderale Hauptstadt offiziell mit der Verfassung von 1787. Der konkrete Sitz dieser neuen Stadt wird drei Jahre später festgelegt und der Aufbau beginnt 1791 nach den Entwürfen des französischen Städteplaners Pierre Charles L’Enfant. In diesem Jahr wird zudem Washington als Name für die Stadt festgelegt und Columbia für den Distrikt.

Der Kongress hält 1800 seine erste Sitzung in Washington, also dreizehn Jahre nach der Verabschiedung der neuen Verfassung. Nach dem Sezessionskrieg (1861-1865) erhält die Hauptstadt neue Bedeutung als Symbol der wiedererlangten amerikanischen Einheit. Sieht man sich den politischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Aufschwung an, den die Vereinigten Staaten während der letzten eineinhalb Jahrhunderte erlebt haben, kann man vernünftigerweise zugestehen, dass die Gründung einer großen föderalen Hauptstadt keine schlechte Strategie war.

Brasilien war besonders schnell beim Aufbau seiner Hauptstadt, denn Brasilia, im Jahre 1956 geplant, wurde schon 1960 eingeweiht. Das Resultat ist umstritten: Für manche ist Brasilia ein architektonisches und städteplanerisches Meisterwerk, andere sehen in Brasilia eine recht unpraktisch angelegte Stadt, die von Staus geplagt wird. Man kann nur jedoch schwerlich den Erfolg des Projektes bestreiten: Auf globaler Ebene ist Brasilia verglichen mit den anderen seit Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts gegründeten Städte heute die bevölkerungsreichste (mehr als zwei Millionen Einwohner).

Der Fall Neu Delhis ist speziell, da die Stadt als Zentrum des britischen Empires in Südostasien erbaut wurde und nicht als Hauptstadt des aktuellen föderalen Indiens. In anderen Fällen werden föderale Hauptstädte oft gegründet, um einen Konflikte zwischen zwei oder mehreren großen Städten gleichen politischen Einflusses zu verhindern: Brasilia wurde auf diese Weise gegründet, um departager Rio de Janeiro und Sao Paolo, Canberra um departager Sydney und Melbourne. Diese Regel hat jedoch eine wichtige Ausnahme: Moskau hat St. Petersburg als russische Hauptstadt genau zu dem Zeitpunkt ersetzt, als Russland eine föderale Struktur einführte.

Wenn auch die Gründe, eine föderale Hauptstadt zu gründen, variieren, zeigen uns die Beispiele zwei wichtige Dinge: Auf der einen Seite kann eine autonome Hauptstadt eine gute Basis für einen föderalen Staates darstellen. Auf der anderen Hand kann eine solche Hauptstadt einen bemerkenswerten Wachstum vorweisen, wenn genügend politischer Wille vorhanden ist. Europa City als europäische Hauptstadt zu gründen wäre also ein ambitioniertes aber nicht unrealistisches Projekt. Um eine Stadt zu erbauen, reicht es jedoch nicht, lediglich eine Funktion für sie zu finden: Es braucht einen Namen (der generische Name ‚Europa City’ ist nur eine Anlehnung an Masdar City) und eine territoriale Verortung.

Wir haben also gesehen, dass es in Europas Interesse wäre, eine föderale Hauptstadt zu gründen. Im zweiten Teil des Artikels werden wir weitergehen und Überlegungen zum Namen dieser neuen Stadt anstellen sowie zu einem möglichen Standort.

Bild : Potsdamer Platz, Berlin.

Quelle : Michael J. Zirbes, Wikimedia.

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