Eine aktuelle Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) stellt fest, dass die Deutschen zu den ärmsten Mitgliedern der Eurozone gehören. Die Zyprioten zählen hingegen zu den reichsten. Damit wäre das Hilfspaket für den angeschlagenen Inselstaat, das der Deutsche Bundestag am Donnerstag gewährte, unsolidarisch und unfair. Teile der Studie sind fragwürdig, aber sie regt zu einer Neudefinition der Idee von Gerechtigkeit an.

Fehlerhafte Studie

Der erste Vermögensbericht der EZB zu den europäischen Haushaltseinkommen zeigt, dass der Besitz einer Familie mittleren Einkommens in Deutschland bei 51.000 Euro, in Zypern bei 267.000 Euro liegt. Diese Zahlen scheinen alarmierend zu sein, besonders im Lichte der aktuellen Krise. Aber es gibt zahlreiche Ambivalenzen.

Erstens zeigt die Studie in anderen Kategorien, wie etwa bei mittelgroßen Einkommen, dass beide Länder auf einer gleichen Vermögensebene liegen. Zweitens variiert besonders die Zahl des Eigenheimbesitzes (Zypern: etwa 77 Prozent, Deutschland: 44 Prozent), was großen Einfluss auf die Ergebnisse hat. So bläht sich der zyprische „Reichtum“ unter anderem durch die Hauspreise auf. Drittens sind einige, in der Studie enthaltene Vermögenswerte nur geschätzt, was nicht besonders präzise zu sein scheint. Viertens könnten andere kulturelle Eigenheiten die Differenz der Haushaltseinkommen erklären: größere Haushalte mit einem hohen Anteil an Erwachsenen, wie in Zypern üblich, sind eher dafür prädestiniert, ein größeres Vermögen anzuhäufen. In Deutschland sind kleinere Haushalte die Regel. Fünftens stehen deutsche Vermögen immer noch unter dem Einfluss der Wiedervereinigung und gedrückter Häuserpreise in Ostdeutschland. Zudem lässt die Studie „öffentlichen Reichtum“ außer Acht: Die Zyprioten könnten Vermögenswerte anhäufen, weil sie der Regierung nicht zutrauen, sie im Alter oder bei Krankheit zu unterstützen.

Die Eliten des Landes sind Schuld

Trotz dieser Ambivalenzen vermittelt die EZB-Studie eine klare Botschaft: die Zyprioten sind reicher als die Deutschen. Dieser Fakt ist nützlich, weil er den gefährlichen Mythos von der „deutschen Dominanz in Europa“ konterkariert. „Merkel stiehlt uns unsere Ersparnisse“ und andere Botschaften zyprischer Demonstranten werden als unsinnig entlarvt.

Die Zypern-Krise ist längst nicht vorüber, besonders weil kürzlich bekannt wurde, dass das Land anstatt 17 nun 23 Milliarden Euro benötigt. Schuld an der Misere ist das vollkommen überdimensionierte Bankensystem des Landes, welches nun bankrott ist. Zyprische Kontoinhaber (besonders diejenigen mit Ersparnissen bis zu 100.000 Euro) sollten Angela Merkel danken, dass sie immer noch ihr Geld besitzen, und zwar in Euro und nicht in einer entwerteten neuen Währung. Wenn die Zyprioten jemanden die Schuld geben wollen, sollten sie ihren Blick auf die politischen und wirtschaftlichen Eliten ihres Landes richten. Diese haben eine internationale Steueroase erschaffen, die sich in schwierigen Zeiten nicht selbst aufrechterhalten konnte. Die ärmeren deutschen Steuerzahler und andere europäische Staaten müssen aushelfen – sei es auch nur, um das Scheitern der gemeinsamen Währung und das damit verbundene Chaos zu verhindern. Gerechtigkeit sieht anders aus. Wie lässt sich das in Zukunft verhindern?

Europäische Solidarität: Eine neue Idee von Fairness

Eine faire Rechtsprechung würde das zyprische Geschäftsmodell nicht belohnen. Doch anders geht es derzeit nicht. Die Zypern-Krise lenkt damit die Aufmerksamkeit auf ein wohlbekanntes Manko der Eurozone: das Fehlen einer kollektiven Verantwortung. Die Maastricht-Kriterien waren ein befangener Versuch, die Eurostaaten in die Pflicht für eine gemeinsame Währung zu nehmen. Der Aufbau eines gewaltigen Bankensystems, welches ein Staat wie Zypern in Krisenzeiten nicht aufzufangen vermag, ist kriminell: zunächst die Vorteile genießen, doch geht es schief, bezahlen die Partner der Eurozone die Verluste.

Die Hauptlehre aus der Eurokrise ist, dass eine gemeinsame Währung nicht ohne minimal bindende Einschränkungen funktioniert. Es geht nicht um die „Herrschaft über Europa“ oder einen „Überstaat Brüssel“. Es ist eine Frage der Fairness gegenüber anderen Einwohnern Europas. Dies sollte die Idee von Gerechtigkeit in der Eurozone sein: als Staat bist du frei zu tun was auch immer du willst, so lange klar ist, dass es keine negativen Auswirkungen für andere haben wird. Einstweilen, weil die Probleme Zyperns und anderer Länder Realität sind, sollte die Solidarität in der Eurozone vorangetrieben werden. Der Preis ist ein mehr an politischer Verantwortung. Die Grundlage könnte eine neue politische Klasse sein, die sich früherer Fehler bewusst ist. Oder sie wird von oben kommen müssen, indem die Europäischen Kommission das Recht erhält, ein Veto gegen Staatshaushalte und wirtschaftspolitische Richtlinien einzulegen.