Die Heimatvertriebene (I)

Geschichte einer unmöglichen Versöhnung?

, von  Guillaume Amigues

Die Heimatvertriebene (I)

Weiterhin belastet die Vertriebenenfrage die deutsch-polnischen Beziehungen und das so sehr, dass sie einer wahren Versöhnung entgegenzustehen scheint.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden Millionen von Herkunftsdeutschen, die sich seit Jahrzehnten in den damaligen deutschen Ostgebieten niedergelassen hatten, in das besetzte Deutschland vertrieben. Hier muss eigentlich hinzugefügt werden, dass dies nicht nur das heutige Polen betrifft, sondern auch andere osteuropäische Länder wie die Tschechische Republik oder Litauen, wo viele Deutschen in der Vergangenheit gelebt haben.

Wer sind die Heimatvertriebene?

Um zu verstehen, warum die Frage der Heimatvertriebenen heute noch ein politisches Thema ist, muss man erstmal klarstellen, wer sie sind. Nach dem Bundesgesetz über die Angelegenheiten der Vertriebenen und Flüchtlinge (BGVF) sind Heimatvertriebene diejenigen, die vor dem 31. Dezember 1937 in den Vertreibungsgebieten angesiedelt wurden, und von diesen vor dem 1. Januar 1993 vertrieben wurden. Die Vertreibungsgebiete bedecken einen wesentlichen Teil der heutigen Osteuropas (ehemaliges zweites Deutschen Reich, Österreich-Ungarische Monarchie, Litauen, Polen), was zu massiven Strömen von Vertriebenen geführt hat. Daraus ergibt sich, dass die deutsche Politik sowohl in der Nachkriegszeit als auch heutzutage gegenüber dieser Frage nicht gleichgültig bleiben kann.

Eine wichtige Konsequenz davon ist selbstverständlich die Belastung der deutsch-polnischen Beziehungen. Vor allem befürchten die Polen die Entwicklung einer Art Revisionismus, der zur Beanspruchung der ehemaligen deutschen Besitztume in Polen führen könnte. Hinter dieser wichtigen Frage steht allerdings eine andere Problematik, nämlich die der Vergangenheitsbewältigung, die in Polen anders als in Deutschland erfolgt. Dies kann auch zum Teil die Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden Nachbarstaaten erklären.

Um die heutigen Debatte zu analysieren, werden in diesem ersten Artikel die Fakten dieser Vertreibung, die bis heute kontrovers diskutiert werden, angesprochen. In einem nächsten Artikel werden die langfristigen Konsequenzen für das deutsch-polnische Verhältnis analysiert, unter anderem in Bezug auf die frischen Spannungen zu den Themen „Zentrum gegen Vertreibungen“ oder „Erika Steinbach“.

Die Vertreibung

Die Vertreibung der Deutschen aus den osteuropäischen Gebieten nach dem Zweiten Weltkrieg wird heute noch kontrovers diskutiert. Das Thema ist so politisch aufgeladen, dass sich die verschiedenen Akteure auf die Fakten kaum einigen können. Als Hintergrund muss erstmal daran erinnert werden, dass das österreichisch-ungarische Vielvölkerreich sowie das deutsche Kaiserreich für eine Mischung der Bevölkerungen im Osten Europas gesorgt haben. Aus diesem Grund waren Mitte des 20. Jahrhunderts viele Deutschen in Osteuropa, z.B. in Schlesien, im Sudetenland oder in Litauen angesiedelt.

In der Nazizeit im Allgemeinen und in den 40er Jahren im Besonderen wurden die Polen, die im westlichen Teil Polens wohnten, in den östlichsten Teil des deutschen Reichs (sog. Generalgouvernement) vertrieben. Umgekehrt wurden jene Gebiete, die sie verlassen sollten, von Deutschen zwangsbesiedelt, besonders im sog. Warthegau. Es ging damals darum, ein einheitliches deutsches Reich mit einer nach Osten verschobenen Grenze zu schaffen.

Zahlenkrieg um die wilden Vertreibung

Nach dem zweiten Weltkrieg fand als Reaktion auf diese Bevölkerungsbewegungen die Vertreibung der Stammdeutschen aus Osteuropa statt. Diese Vertreibungen haben zuerst als unorganisierte Rachewelle stattgefunden. Vor dem Einmarsch der Roten Armee kam es zum Partisanenkampf in diesen Gebieten, wobei die Herkunftsdeutschen Opfer der Rache der Bevölkerung wurden. Viele wurden enteignet, geprügelt oder ermordet. Wie viele ist allerdings bis heute unklar: man spricht in der Regel von 2,2 Millionen ungeklärten Fällen, die mit Verbrechensopfern gleichgesetzt wurden. 1974 berichtete das Bundesarchiv von mindestens 600.000 Todesfällen in unmittelbarer Folge der Verbrechen im Zusammenhang mit der Vertreibung. Problematisch ist z.B., dass 130.000 Todesopfer für die Tschechoslowakei angegeben werden, während die Deutsch-Tschechische Historikerkommission ihrerseits nur von 15 bis 30.000 Vertreibungsopfer ausgeht.

Vertreibung in „ordnungsgemäßer und humaner Weise“?

Auf der Potsdamer Konferenz im Jahre 1945 wurde die Frage der Vertreibungen besprochen. Schließlich konnten sich die drei Großmächte auf ein Prinzip der Vertreibungen „in ordnungsgemäßer und humaner Weise“ einigen. Die vielleicht etwas überraschende Zustimmung der Engländer und Amerikaner ist darauf zurückzuführen, dass die polnischen und tschechischen Exilregierungen in London seit Jahren die Alliierten darum baten, die Deutschen nach dem Krieg zu vertreiben. Die Teilnehmer der Konferenz vertraten den Standpunkt, dass die Wahrscheinlichkeit eines (Bürger-)Kriegs in homogenen Staatswesen niedriger sein würde.

Daraus ergibt sich, dass die Vertreibungen ab 1946 in weniger schlechten Bedingungen erfolgten, weil die Deutschen etwas mehr geschützt waren. Allerdings wurde dadurch natürlich nicht jegliche Rache vermieden.

Nach den wichtigsten Wellen von Vertreibungen befanden sich im Jahre 1950 14 Millionen Heimatvertriebene in den beiden deutschen Staaten. Die Herausforderung, die diese enteignete Bevölkerung, deren es an allem mangelte, für diese Staaten im Aufbau darstellte, ist nicht zu unterschätzen. Nach dem Krieg machten die Vertriebenen circa ein Viertel der Bevölkerung der Bundesrepublik aus.

Bild : Berlin, 1945. Flüchtlinge aus dem Osten

Quelle : Bundesarchiv, durch Wikipedia

Quellen :
  A. M. de Zayas, Die Anglo-Amerikaner und die Vertreibung der Deutschen. Vorgeschichte, Verlauf und Folgen, Berlin 1988, 8. Aufl.

  „Polen fürchtet Steinbach fast so wie Putin“ – Tagesspiegel, 31. März 2009
  „Steinbach-Affäre : Merkel kuschelt mit Vertriebenen“ – Stern, 19. März 2009
  „Polen will kein Land der Vertreibung sein“ – Die Welt, 2. März 2009
  „Aufregung um die blonde Bestie“ – Süddeutsche Zeitung, 25. Februar 2009
  „Kabinett beschließt sichtbares Zeichen“ – Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19. März 2008

  „Quand l’histoire devient politique“ – Journal interparlementaire franco-allemand, Februar - März 2009

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