Welches Schicksal teilen Bananen, Traktorsitze und schwäbische Maultaschen? Richtig, für alle drei gibt es eine Richtlinie bzw. Verordnung aus Brüssel. Diese legen z.B. fest wann eine Maultasche eine schwäbische Maultasche sein darf und wann sie nur eine gewöhnliche Teigtasche mit Füllung ist. Nicht einmal vor den Schlafzimmern Europas machen die Brüsseler Bürokraten halt – so empfiehlt das Europäische Komitee für Normung wie groß ein Kondom sein sollte.

Die Europäische Kommission als Hort der Bürokratie?

Die angebliche Brüsseler Regulierungswut gilt vielen Europa-Skeptikern als einer der Hauptgründe warum die EU ineffizient ist – so die Kritik in ihrer milderen Form – oder, wie es die Fundamentalkritiker fordern, die EU am besten abgeschafft gehört. Vor allem die Kommission ist für Viele der Hort der Bürokratie. Sie beschäftigt 32 949 Mitarbeiter, deren einziges Ziel es ist, so die Kritiker, Europa mit neuen Regulierungen zu überschütten.

Dabei lassen die Kritiker zwei wesentliche Punkte außer Acht, die Sinn und Anzahl der Richtlinien erklären. Die Verursacher von Richtlinien und Verordnungen lassen sich einfach identifizieren. Es ist zwar richtig, dass die Kommission formal die Vorschläge für Richtlinien und Verordnungen unterbreitet, da sie für die meisten Politikbereiche das Initiativrecht innehat. Die wahren Verursacher verstecken sich jedoch hinter dem Initiativrecht der Kommission. Namentlich handelt es sich um die Mitgliedsstaaten und dort ansässige Interessenverbände.

Die Traktorsitzrichtline als Beispiel nationalstaatlicher Interessen

Die viel zitierte Traktorsitzrichtlinie [1] – im Brüsseler Jargon auch „Rechtsvorschrift über Umsturzschutzvorrichtungen für land- und forstwirtschaftliche Zugmaschinen auf Rädern“– ist ein Paradebeispiel für die Durchsetzung nationalstaatlicher Interessen. Der Impuls für die Richtlinie ging von Deutschland, genauer: vom Freistaat Bayern aus. Nach einem Unfall eines bayerischen Bauers, der von seinem Traktor fiel und der folgenden Weigerung der Versicherung für den Schaden aufzukommen, weil es sich um ein ausländisches Fabrikat handelte, das die deutschen Normen nicht erfüllte, drängte der Freistaat Bayern auf eine EU-weite Regelung. Am Ende des Prozesses stand ein Kommissionsvorschlag, der schlussendlich 1978 im Rat beschlossen wurde.

Vorteile von EU-weiten Regelungen

Die Herkunft einer Richtlinie sagt noch wenig über Sinn oder Unsinn derselben aus. Welche Vorteile gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Natur bringen EU-weite Regelungen mit sich? Europäische Normungen, Standards und Richtlinien machen den gemeinsamen Binnenmarkt überhaupt erst möglich. Erstens, sorgen sie dafür, dass ein Mindestmaß von Qualität eingehalten wird. Zweitens, bringen sie Transparenz in den Markt und fördern so den Außenhandel der EU-Mitgliedsländer. War es früher noch möglich, dass die Einfuhr von Waren verboten wurde, weil sie nationalen Bestimmungen nicht entsprach, so ist dies heute nicht mehr möglich wenn Produkte im Einklang mit europäischen Regelungen produziert wurden. Zudem wird der Import von ausländischen Waren durch die Transparenz erleichtert, weil sich ausländische Produzenten besser auf die Marktbedingungen einstellen können. Letztens führen europäische Regelungen zu einer schnelleren Verbreitung von Innovationen und Technologie, da sich Unternehmen schneller an neue Entwicklungen anpassen können und sich nicht erst Durchblick in einem Wirrwarr von 27 unterschiedlichen Regulierungen verschaffen müssen. Insgesamt ergibt sich ein großer gesellschaftlicher und volkswirtschaftlicher Nutzen für die EU-Staaten.

Der letzte Einwand, die vielen Richtlinien seien quasi eine Selbstbeschäftigungsmaßnahme des riesigen und stetig wachsenden Beamtenapparats der EU, lässt sich mit einem Blick auf die Verwaltungen in EU-Ländern schnell entkräften. Insgesamt zählt die Europäische Kommission 32 949 Mitarbeiter, die auf ihre Dienststellen in und außerhalb Brüssels verteilt sind. Schaut man sich zum Vergleich die Stadtverwaltung Münchens an, die 34 301 Mitarbeiter stark ist, dann erscheinen die über 30 000 Mitarbeiter der Kommission nicht mehr so viel, immerhin muss ja ein ganzer Kontinent verwaltet werden! Außerdem plant die Kommission eine Reduzierung des Personals um 5% bis 2018.