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Willkommen, Tschechien!

, von  Christian Simon

Als die Tschechische Republik mit der Osterweiterung 2004 in die EU aufgenommen wurde, standen vor allem wirtschaftliche Aspekte im Vordergrund. Und schon damals: Sorge um Arbeitsplätze und Zuwanderung, Misstrauen gegen den „Ostblock“. Ein herzliches Willkommen sieht anders aus. Zehn Jahre nach dem Beitritt Tschechiens folgt deshalb nun ein verspäteter Willkommensgruß von Christian Simon.

Prag: Eine europäische Hauptstadt seit 1348. – Foto: © Stefan Köber / Flickr (Link) / CC BY-NC-SA 2.0-Lizenz (https://creativecommons.org/licenses/by/2.0/legalcode)

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Liebe Tschechen, willkommen in der EU!

Verdient habt ihr es. Denn schon historisch war Tschechien, oder das, was später dazu werden sollte, immer Teil Europas. Karl IV. wählte im 14. Jahrhundert Prag zu seiner Residenzstadt. Karl IV. war Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, ein europäisches Großreich, das noch heute gelegentlich als Gründungsmythos europäischer Einheit herhalten muss. Einige hundert Jahre und zahllose Grenzverschiebungen später wart ihr Teil der Donaumonarchie Österreich-Ungarn. Nach dem ersten Weltkrieg gründete sich dann die Erste Tschechoslowakische Republik. Bis 1939 hieltet ihr diesen, heute als ureuropäisch angesehenen Wert der Demokratie hoch, auch dann noch, als im europäischen Kernland Deutschland schon die unerträglichste Barbarei Einzug gehalten hatte.

Die Wahrnehmung Tschechiens als ein irgendwie fremdes „die da“ begann erst nach 1948, als in den Augen derer, die westlich des Eisernen Vorhangs lebten, ganz Osteuropa nur noch „der Ostblock“ war. Wenig Anerkennung wird euch heute für eure Auflehnung gegen den Stalinismus im „Prager Frühling“ 1968 entgegengebracht, die ihr teuer bezahlen musstet.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion und einer Verfassungsänderung zum demokratischen Rechtsstaat dauerte es dann noch einmal etwa 12 Jahre, bis ihr als Mitglied der EU euren angestammten Platz im Herzen Europas einnehmen konntet.

Durch und durch europäisch - historisch und kulturell

Misstrauen wird euch auch heute noch entgegengebracht, vielen Menschen gerade in Deutschland gilt Osteuropa immer noch als unterentwickelt, kulturlos - der Schatten des Kalten Krieges. Ein Irrglaube, wenn man sich den Beitrag Tschechiens zur europäischen Kultur ansieht.

Smetana? Tscheche. Seine Komposition „Die Moldau“ ist Bestandteil des Musikunterrichts in Schulen in ganz Europa

Kafka? Tscheche. Verbrachte den Großteil seines Lebens in Prag. „Deutsch ist meine Muttersprache, aber das Tschechische geht mir zu Herzen“, schrieb er in einem Brief. Für euch Tschechen ist das beinahe ein Unglück - durch die deutsche Sprache ist es für uns Dichter und Denker im Nachbarland ein leichtes gewesen, Kafka irgendwie als „einen von uns“ darzustellen. Doch es sei einmal dahingestellt, ob es den „Prozess“ geben würde, wenn der junge Franz nicht die Melancholie Prags in sich aufgenommen hätte.

Kundera? Tscheche (wenn auch nicht unbedingt stolz darauf). Und das beste Beispiel, dass man auch aus großem Unglück noch große Kultur machen kann.

Abschließend bleibt also nur, all denen eine Absage zu erteilen, die an einer tschechischen EU-Mitgliedschaft zweifelten und zweifeln. Tschechien liegt im Herzen Europas, geographisch, historisch und kulturell.

Willkommen Tschechien, Vítejte Česko, es ist schön, dass ihr da seid. Auf die nächsten zehn Jahre!

2004 nahm die Europäische Union zehn Länder als neue Mitglieder auf. Die EU wurde größer, bevölkerungsreicher und östlicher. treffpunkteuropa.de stellt in einer Serie die jungen Mitgliedsstaaten zehn Jahre nach der Erweiterung vor.

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