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Stell dir mal vor, die EU ist plötzlich weg

, von  Karin Geupel

Bei vielen Europäern war die Lust zur Europawahl zu gehen nicht besonders groß – dabei wissen viele von uns gar nicht mehr, wie ihr Leben ohne die EU aussehen würde.

Die Kolumne „Wir in Europa“ erscheint jeden Sonntag auf treffpunkteuropa.de. Autoren berichten im Wechsel über ihre persönlichen Erlebnisse mit der EU, was es bedeutet, Europäer zu sein und welche Ängste und Hoffnungen sie mit der Gemeinschaft verbinden. Foto: © European Commission / 2004

Autoren

  • Jahrgang 1988, ist Master-Studentin an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) und freie Journalistin für diverse Tageszeitungen und den Rundfunk Berlin Brandenburg (rbb). Hier schreibt Sie über ihre Erfahrungen als Deutsche in Europa und als Europäerin in der Welt.

Fast drei Wochen nach der Europawahl und den Siegen europaskeptischer Parteien hat sich die Aufregung in Presse, Politik und Gesellschaft schon wieder gelegt. Auch hier in meiner kleinen Europa-WG, in der ich zusammen mit einer Polin und einer Französin wohne, gibt es wichtigere Themen als Europa. Die WM zum Beispiel, oder das heiße Wetter, oder den Zugausfall, der die Weiterreise einiger mit uns befreundeter Ungarinnen nach Warschau unnötig verkomplizierte. Wir alle sind so an die EU gewöhnt, dass sie in unserem täglichen Leben keine große Rolle spielt – außer sie ist mal weg.

Ohne Grenzen rückt Polen gefühlstechnisch näher

Ein paar Grenzbarraken schmückten noch die Oder-Brücke, als ich vor drei Jahren mein Studium in Frankfurt Oder begann. Bei den wöchentlichen Seminaren im Collegium Polonicum, wie die Einrichtung meiner Uni auf der anderen Oderseite heißt, mussten wir jedes mal durch diese Ruinen laufen und machten uns dabei Gedanken, wie der Grenzübertritt Anfang der Neunziger bei der Wiedereröffnung unserer Uni ausgesehen haben mag. In der Uni, am Nebeneingang des Hauptgebäudes, direkt vor der Bibliothek, befindet sich noch ein Schild, das früher genau an dieser Grenzbarrake hing. Darauf ist zu lesen, dass, sollte es mal Stau am Grenzübergang geben, Studenten bei der Grenzkontrolle vorgelassen werden sollten. Ja, so war das damals: Kam man zu spät zur Vorlesung in Polen, wo eines der Gebäude der Uni steht, konnte man wenigstens die Grenzer beschuldigen. Lustige Vorstellung, aber so richtig wünschte sich niemand diesen ewigen Kontrollen zurück. Und als dann die Grenzbarraken endlich abgerissen wurden, waren alle froh nun von der Brücke aus einen freien Blick auf die Oder und die Partnerstadt Słubice in Polen zu haben. Das Nachbarland Polen war gefühlstechnisch näher gerückt.

Keine Party ohne Erasmus

Gäbe es die EU nicht, wäre meine Studienzeit an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt Oder sowieso ganz anders verlaufen. Vielleicht hätte ich stattdessen an einer alt eingesessenen Uni studiert. Das großartige an der Viadrina ist nämlich ihre Internationalität: 24 Prozent der Studierenden kommen nicht aus Deutschland, davon sind rund zwölf Prozent aus Polen. Gäbe es die EU inklusive Erasmus nicht, wären das sehr viel weniger internationale Studenten. Es gäbe weniger englischsprachige Kurse, die Möglichkeiten für Praktika und Studium im Ausland wären bedeutend geringer und auch die Party-Landschaft an der Uni sähe ganz anders aus. Die regelmäßigen Erasmus-Partys, International-Days, das Deutsch-Polnische Theaterfestival Unithea, selbst die Veranstaltungen des Universitäts-Sportclubs, in dem auch polnische Trainer arbeiten - das alles gäbe es wahrscheinlich nicht, oder eben in ganz anderer Form.

Doch nicht nur das Leben an der Uni wäre langweiliger ohne Studenten aus den anderen EU-Mitgliedsländern. Auch mein Studentenleben wäre von einem Wegfall der EU extrem betroffen: Ich wohne in einem Wohnheim, in dem besonders viele der ausländischen Studierenden für ihren Aufenthalt an der Viadrina Uni ein Zimmer mieten. Die Folge: meine beiden Mitbewohnerinnen sind Erasmus-Studenten. Im Alltag unterhalten wir uns auf Englisch, was meine Sprachkenntnisse erheblich verbessert haben. Und jetzt im Sommer gibt es fast täglich Grillpartys auf dem Hof vor dem Wohnheim. Alles in allem würde ich ohne die EU wahrscheinlich bedeutend besser schlafen, aber wenn ich mir so vorstelle, all meine Erasmus-Mitbewohnerinnen und Freunde – die der vergangenen Semester und die jetzigen – wären plötzlich weg… ziemlich blöde Vorstellung.

Europäische Gewohnheiten

Und auch auf meine alltäglichen Gewohnheiten hat sich die EU ausgewirkt: seit ich mit einer Portugiesin zusammen wohnte, fällt es mir leichter auch einfach mal um 21 Uhr zu essen, oder Wäsche zu waschen. Von den Polinnen habe ich mir ein paar Modetricks abgeschaut, so dass ich inzwischen drei Paar Highheels besitze und mein Lieblings-T-Shirt bekam ich zum Abschied von meiner ersten Mitbewohnerin aus der Slowakei geschenkt. Und wann immer ich in Polen einkaufen will, bemerke ich, dass mir das Zusammenwachsen der EU eigentlich noch nicht schnell genug geht: Immer dieses leidige Umtauschen von Euro in Złoty und dann diese ganzen Münzen, die man danach übrig hat. Einfach nur nervig.

Mein Leben würde also ohne EU ganz anders aussehen, weniger bunt und viel umständlicher wäre es dann. Wer also keine Lust hat auf EU-Wahlen und Gurken-Verordnungen, sollte sich vielleicht einfach mal fragen, wie sein Leben ohne EU aussehen würde. Wer dann tatsächlich nichts findet, und wer kein Problem damit hat, beim Trip nach Italien mindestens drei Währungen im Geldbeutel mit sich herumzuschleppen und Unsummen an Gebühren für das Telefonieren mit dem Handy im Ausland zu zahlen, der darf dann gern weiter über die europäische Einigung schimpfen

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