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Russlands Gas im Schlussverkauf

, von  Moritz Hunger

Zwischen Russland und China kam kürzlich ein milliardenschweres Gasabkommen zustande. Die Ukraine-Krise hat die Annäherung Moskaus an Peking beschleunigt, vor allem China profitiert. Was bedeutet dieses Verhältnis für die EU?

Heile Welt zwischen Angela Merkel und Wladimir Putin auf dem EU-Russland-Gipfel 2007, so scheint es. Noch bezieht Deutschland 36 Prozent seiner Gaseinfuhren aus Russland. Jetzt bietet sich China als alternativer Energieabnehmer an. – Foto: © European Commission / 2007

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  • lebt in Berlin und hat Europawissenschaften studiert. Unter @moritz_hunger twittert er über Politik und die Welt.

Auf den ersten Blick entsteht der Eindruck, Russland hat sich endgültig von Europa abgewandt: Von 2018 an wird Russland jährlich bis zu 38 Milliarden Kubikmeter Erdgas pro Jahr nach China liefern. Das geht aus dem Abkommen hervor, das die beiden Großmächte Mitte Mai unterzeichneten. Das Geschäftsvolumen wird auf mehr als 400 Milliarden Dollar geschätzt.

Beschleunigt wurde dieses Abkommen durch die Ukraine-Krise. Russland schafft sich so einen neuen Absatzmarkt und China stellt Gaslieferungen sicher, die einen Anteil seines enormen Energieverbrauchs für die nächsten drei Jahrzehnte decken und dabei die Abhängigkeit von Kohle verringern wird.

Tatsächlich hat Putin es geschafft, mit dem Deal nicht nur den europäischen Staats- und Regierungschefs vor den Kopf zu stoßen, sondern auch Russlands Bevölkerung zu beruhigen. Der Verkauf von Erdgas ist die einzige Möglichkeit in Russland volkswirtschaftliches Einkommen zu generieren und so von den prekären gesellschaftlichen und sozialen Umständen im Land abzulenken.

Hohe Verluste für Russland

Politisch mag das Abkommen für Putin ein Erfolg sein. Volkswirtschaftlich ist es für Russland allerdings nicht so profitabel, wie es auf den ersten Blick den Anschein macht. Russland hat sich unter Wert verkauft. Das zeigt vor allem die Geschwindigkeit, mit der das Abkommen nach zehnjährigen - zum Teil stagnierenden - Verhandlungen nun doch recht plötzlich geschlossen wurde. Der Verlust dafür war hoch: Russland musste die Preise erhebliche senken, damit China das Abkommen überhaupt unterzeichnete.

Schätzungen zufolge verkauft Russland sein Gas jetzt an China unter dem Durchschnittswert von 365 Dollar pro 1000 Kubikmeter, was angesichts der hohen Investitionskosten in die benötigte Infrastruktur im Osten Russlands äußerst gering ist. Das Erdgasförderunternehmen Gazprom hatte in dem Deal ursprünglich 400 Dollar pro 1000 Kubikmeter von China gefordert. So sieht keine „umfassende Energiepartnerschaft“ aus, die von Putin und dem chinesischen Präsidenten Xi in der Öffentlichkeit gepriesen wurde.

Das Ergebnis des Abkommens zeigt, dass Russland einen Deal mit China dringend nötig hatte. CDU-Politiker Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag und ehemaliger Umweltminister, versicherte den Gästen bei einem Gipfel zur Energiesicherheit Europas in Berlin Ende Mai: „Russland hängt genauso sehr vom Verkauf von Erdgas ab, wie Europa vom Einkauf.“

Für Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaft in Berlin ist das Abkommen kein Grund zur Sorge; weder für Deutschland, noch für Europa. „Wir haben zurzeit ein Überangebot an Gas auf den internationalen Märkten“, sagte sie Spiegel Online. Andere Experten sehen darin sogar einen Vorteil, weil so mehr Gas auf den Weltmarkt angeboten wird, was Erdgas weltweit billiger macht. Tatsächlich sind die 38 Milliarden Kubikmeter Erdgas für China vergleichsweise wenig zu den rund 130 Milliarden Kubikmeter Erdgas, die jährlich von Russland nach Europa exportiert werden. Russland und Europa brauchen einander also immer noch.

Europa braucht Alternativen zu russischem Gas

Dennoch wird das Abkommen Konsequenzen für Europa haben. Es zeigt, wie überfällig eine weitere Verteilung der Erdgasversorgung in Europa ist. Kurzfristig bedeutet das, Erdgas von anderen Standorten zu importieren. Aus Norwegen, den USA oder Kanada, oder dem Kaspischen Raum, auch wenn die politische Lage dort ähnlich instabil ist, wie in Russland. Längerfristig wird jedoch nur ein geringerer Energieverbrauch zu Europas Energieunabhängigkeit führen. Die europäischen Staaten müssen daher viel mehr in Energieeffizienz investieren und diese massiv fördern.

Allerdings zeigt die schleppende Umsetzung der EU-Energieefizienzrichtlinie (EED), dass der politische Wille bisher fehlt, die Abhängigkeit von Energieimporten langfristig anzupacken. Ende April sollten die EU-Mitgliedsstaaten der EU-Kommission eigentlich ihre Nationalen Aktionspläne (NEEAP) vorlegen, die aufzeigen wie die Richtlinie konkret umgesetzt werden soll. Deutschland hat diesen Stichtag verfehlt und um Aufschub bis September gebeten. Andere Staaten steigen lieber auf Atomenergie um (Großbritannien) oder wollen Erdgas in Europa durch Fracking fördern (Polen).

Zwar scheint das Thema Energieeffizienz in Europa konsensfähig, allerdings fehlen Taten, die auf die Worte von Europas Politikern folgen. Beim Thema Energiepolitik können sich die EU-Mitglieder immer noch nicht auf eine gemeinsame Strategie einigen.

Die energiewirtschaftlichen Zentren verschieben sich

Auch wenn der Gasdeal zwischen Russland und China (noch) kein Grund zur Sorge in Europa ist, so macht er deutlich, dass sich die energiewirtschaftlichen Zentren der Welt verschieben. China und Indien werden in den nächsten zehn bis fünfzehn Jahren zu den Hauptkonsumenten des globalen Energieverbrauchs ansteigen und die weltweiten fossilen Ressourcen noch schneller verbrauchen, um ihre wachsenden Industrien zu versorgen.

Europa muss deshalb schnell einen Weg finden, wie es sich zukünftig mit alternativen Erdgas- und Erdölquellen versorgen kann. Allerdings ist der Wechsel der Bezugsquellen keine langfristige Lösung, besser ist ein Umstieg auf nachwachsende Rohstoffe.

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