„Loi Mannequin“

Ein Gesetz für ein gesünderes Körperbild

, von  Alessandra Ivaldi

„Loi Mannequin“

Frankreich verpflichtet sich mit dem kürzlich erlassenen Gesetz “Loi Mannequin” zum Kampfs gegen Magersucht unter Models und Jugendlichen. Aber wird dies einen deutlichen Einfluss auf die Gesundheit der Frauen haben – oder handelt es sich lediglich um einen vergeblichen Versuch?

Vor kurzem wurde in Frankreich das “Loi Mannequin” beschlossen, das auf den Kampf gegen Magersucht abzielt. Diese sehr gefährliche Essstörung betrifft hauptsächlich Mädchen und junge Frauen, die dem Schönheitsideal von extrem schlanken Models nacheifern. Es können aber auch Models selbst betroffen sein, die oft ihre körperliche und geistige Gesundheit opfern müssen, um beruflichen Erfolg zu haben. Magersucht führt nicht nur zu körperlichem Abbau, sondern kann auch verheerende Folgen auf die geistige Verfassung haben. Ohne zeitnahe und zielgerichtete Behandlung kann sie sich zu einer chronischen Krankheit entwickeln und im schlimmsten Falle zum Tode führen.

Schätzungen zufolge leiden in Frankreich etwa 600.000 junge Menschen an Essstörungen, darunter 40.000 an Magersucht. Viel bestürzender ist die Tatsache, dass dieses gestörte Essverhalten – nach Verkehrsunfällen – die zweithäufigste Todesursache unter den 15- bis 24-Jährigen ist.

Die tapfere Victoire Maçon Dauxerre, früher selbst Model, zählt zu den Opfern der Magersucht. Nach einem langen Leidensweg mit vielen Demütigungen und sogar einem Selbstmordversuch hat sie es geschafft, ihr Leben neu auszurichten und einen tragischen und schockierenden Beststeller über das „geheime Leben“ als Model zu veröffentlichen. Jamais assez maigre. Journal d’un top model. (auf Deutsch erschienen als „Size Zero: Ein Topmodel über die dunklen Seiten der Modewelt“) ist der bedeutungsvolle Titel des Model-“Tagebuchs”, in dem sie ihre schmerzhaften Erfahrungen schildert.

Mit 17 Jahren wurde sie von einer Model-Agentur entdeckt. Für Victoire war das eine schwierige Zeit. Wie viele junge Frauen in ihrem Alter war für sie vieles ungewiss. Ihr Traum war ein Studium an der renommierten Universität Sciences Po, aber leider konnte sie die Aufnahmeprüfung nicht bestehen. Verunsichert und ohne genauere Planung für ihre Zukunft gab Victoire der Versuchung der glitzernden Modewelt nach. In ihrem Kopf malte sie sich viele schönen Dinge aus: Reisen an traumhafte Orte, einfaches Geld, Ruhm…. Die Modeindustrie hielt allerdings ganz andere Überraschungen bereit.

Victoire war schon immer eine hübsche Frau: groß (1,78 m) und dünn… aber nicht dünn genug, um in Größe 32 zu passen. Damit fing der Albtraum an. Victoire hörte auf zu essen, bis sie letztendlich gerade noch 47 Kilo wog. Sie hungerte, verlor ihr Haar, ihre Knochen traten hervor. Aber die Modewelt stellte sich als Droge heraus und für Victoire gab es keinen Ausweg aus ihrer Sucht. Wenn sie sich an diese schrecklichen Momente erinnert, fällt Victoire ein, dass sie sich umso dicker fühlte, je mehr sie an Gewicht verlor. Ironischerweise werden Models dazu gezwungen, weniger zu essen, obwohl der Großteil der Bilder hinterher so oder so retuschiert wird, um sie noch dünner aussehen zu lassen.

Mit der Zeit wurde Victoire immer verzweifelter und war so überfordert, dass sie die extreme Entscheidung traf, sich umzubringen. Aber Victoire war doch stärker als viele andere und überlebte. Nun erzählt sie ihre Geschichte in aller Offenheit. In der Modewelt hat nicht jeder die Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen. Victoire wiederum konnte ihr Buch nur schreiben, weil sie die Modebranche verließ.

Jamais assez maigre ist eine Reise durch eine verteufelte Welt, in der Models sich übergeben und Abführmittel oder Drogen nehmen, um das Hungern und die Erschöpfung in den Wochen vor einer Fashion-Show zu ertragen. Selbst sportliche Betätigung ist untersagt aus “Angst”, Muskeln aufzubauen.

Models dürfen sich nicht beklagen. Wenn eine von ihnen sich krank fühlt oder vor einer Show ohnmächtig wird, traut sich niemand, etwas dazu zu sagen. Über diese “normale” Situation braucht man nicht zu reden. Es ist eine undurchsichtige und heuchlerische Welt. Victoire beschreibt, dass niemand den Models tatsächlich vorschreibt, nicht zu essen. Man weiß einfach, dass man in die Kleider, die einem angeboten werden, passen muss, abzunehmen ist die einzige Möglichkeit. Das ganze System ist darauf ausgelegt, dass schlussendlich niemand dafür angeklagt werden kann, Magersucht zu fördern.

Seit ihrem Ausstieg hat Victoire ihren Abschluss in Philosophie an der Sorbonne in Paris gemacht. Sie sagt, sie wollte “ihren Geist wiederfinden”, damit sie sich selbst nicht mehr nur als einen Körper sieht. Anschließend ging sie nach London, wo sie einen Master in Schauspielerei macht. Ihr Ziel ist es nun, sich dem Show-Business zu widmen. Ihr ist bewusst, dass in der Branche ein starker Wettbewerb herrscht, aber immerhin wird Dünn-Sein nicht ihr einziger Garant für Erfolg sein.

Durch das neue Gesetz in Frankreich sollen solche Tragödien verhindern werden, indem ein gesünderes Körper-Image in der Werbung entwickelt und gefördert werden soll. Das „Loi Mannequin“ wurde von der sozialistischen Regierung unter Präsident François Hollande eingebracht und im Januar 2016 bewilligt. Nun wird es in Gang gesetzt und stellt einen revolutionären Akt in der Modewelt Frankreichs dar.

Um an Fashion-Shows und Foto-Shootings teilnehmen zu können, müssen Models ab Inkrafttreten des Gesetzes eine ärztliche Bescheinigung vorlegen, die bis zu zwei Jahre gültig ist und ihnen allgemeines körperliches Wohlbefinden bestätigt. Dies wird wiederum auf der Grundlage des Body-Mass-Index (BMI) ermittelt, der sich aus Körpergewicht und Größe einer Einzelperson ableitet. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO wird eine Person mit einem BMI unter 18,5 als untergewichtig eingestuft.

Von dem neuen Gesetz sind alle Models und Model-Agenturen betroffen, die in Frankreich arbeiten, und es wird enorme Strafzahlen oder auch bis zu einem Jahr Gefängisstrafe für jene geben, die den Vorgaben des “loi mannequin” nicht entsprechen. Das Gesetz wird am 1. Oktober in Kraft treten. Parallel wird eine weitere Vorschrift eingeführt, derzufolge kommerziell verwendete Fotos die Kennzeichnung „digital bearbeitetes Foto“ tragen müssen, wenn sie digital verändert wurden.

Mit diesem Gesetz schließt sich Frankreich den Maßnahmen anderer europäischer Länder an. Als erstes Land wurde in Spanien im September 2006 eine ähnliche Vorschrift erlassen, als alle Models mit einem BMI unter 18 vom Catwalk der Pasarela Cibeles, dem bedeutendsten Mode-Ereignis des Landes, ausgeschlossen wurden. Für die italienische Fashion Week in Mailand wurde ein BMI von 18,5 als Minimalanforderung für eine Teilnahme festgesetzt. Selbst nicht-europäische Länder folgen dem Trend. So wurde beispielsweise im Jahr 2013 in Israel ein Gesetz beschlossen, dass einen BMI von mehr als 18,5 für Models definierte, die auf Fashion-Magazinen auftauchen oder an Shows teilnehmen wollen.

Das “Loi Mannequin” sorgt jedoch für einige Debatten: auf der einen Seite die Befürworter, die in dem neuen Gesetz einen wichtigen Schritt im Kampf gegen die Magersucht sehen; auf der anderen Seite die unvermeidlichen Kritiker, vor allem aus der Modewelt. Es gibt sogar eine große Gruppe von „Skeptikern“, die der Meinung sind, dass das Gesetz nicht weitreichend genug ist. Denn in Wirklichkeit werden Frauen noch sehr oft aufgrund ihres körperlichen Erscheinungsbilds bewertet und die Modewelt ist nicht die einzige Branche, die Schuld daran trägt, dieses Verhalten zu fördern. Deswegen können wir vom „Loi mannequin“ nicht erwarten, den radikalen Wandel zu bringen, den sich seine zuversichtlichsten Vertreter erhoffen.

Was sagt Victoire dazu? Natürlich hat das frühere Model seine eigene Meinung. Für sie sei das neue Gesetz ein erster Schritt in die richtige Richtung, gehe aber noch nicht weit genug. Es könne für Model-Agenturen ein Leichtes sein, die neuen Vorgaben des Gesetzes zu umgehen. Als Victoire ihren Vertrag als Model unterzeichnete, sollte sie sich auch einer ärztlichen Untersuchung unterziehen – was aber nie realisiert wurde.

Victoire ist außerdem der Ansicht, dass der Kampf gegen Magersucht und gegen die Art und Weise, wie Frauen in unserer Gesellschaft behandelt werden, nicht nur Frankreich beinhalten solle. Da das Gesetz nur in Frankreich gelte, müsse man in Betracht ziehen, dass französische Models gezielt nach Arbeit in anderen Ländern suchen könnten. Auch wenn es stimme, dass andere Länder bereits ähnliche Gesetze ergriffen hätten, seien diese Maßnahmen für sich betrachtet noch nicht ausreichend. Das frühere Model ruft daher zum Handeln auf europäischer, ja sogar globaler Ebene auf.

Aber zunächst ein Schritt nach dem anderen: erst ein “rebellierendes” Model, dann ein Buch, dann ein neues Gesetz… Und wer weiß, vielleicht können wir in der Zukunft wirlich Zeuge einer europaweiten Maßnahme werden.

Dieser Artikel ist ursprünglich auf der Plattform „Meeting Halfway“ erschienen.

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