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In der Landesvertretung eine Legende

, von  Franziska Pudelko

„Ich würde später gerne für eine europäische Institution arbeiten“, das hörte ich während meines Praktikums in Brüssel immer wieder von verschiedenen Seiten. Gleichzeitig habe ich dort sehr viele interessante Bekanntschaften gemacht mit Menschen, die längst für die EU arbeiten und dabei erfahren, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt. Mit Dr. Kurt Gaissert habe ich über seine europäische Karriere gesprochen.

Die Kolumne „Wir in Europa“ erscheint jeden Sonntag auf treffpunkteuropa.de. Autoren berichten im Wechsel über ihre persönlichen Erlebnisse mit der EU, was es bedeutet, Europäer zu sein und welche Ängste und Hoffnungen sie mit der Gemeinschaft verbinden. Foto: © European Commission / 2004

Autoren

  • studiert an der KU Leuven im Master European/Global studies. Journalistische Erfahrungen sammelte sie unter anderem bei dem Onlinemagazin Utrikesperspektiv.se, bei der Süddeutschen Zeitung und beim ZDF. Bis Mai 2015 war sie Chefredakteurin von treffpunkteuropa.de.

Im Verlauf meines Praktikums in Brüssel durfte ich zahlreiche spannende Begegnungen machen, eine davon war in der Landesvertretung Baden-Württemberg mit Dr. Kurt Gaissert. Von ihm wollte ich wissen, wie er nach Brüssel gekommen ist, warum er so lange geblieben ist und wie seine europäische Karriere zu Stande kam.

In der Rue Belliard ist er längst eine Legende: Kurt Gaissert ist seit über zehn Jahren Teil der Vertretung des Landes Baden-Württemberg in Brüssel und mit am längsten dabei. Man trifft ihn bei vielen Veranstaltungen in der Stadt. Und natürlich kennt er Brüssel wie seine Westentasche.

Sein Interesse für Europa entdeckte er als Europareferent im Staatsministerium in Stuttgart. Dort war er mehrere Jahre für Angelegenheiten der Europäischen Gemeinschaften zuständig. Als er in den 1980er-Jahren das Amt des Vorsitzenden des Kreisverbandes Stuttgart der Europa-Union übernahm war klar: Seine Karriere wird eine europäische.

Er war gekommen um zu bleiben

Ministerpräsident Lothar Späth war es, der ihn schließlich als einer der Nationalen Experten in der Europäischen Kommission platzierte. Die Politik aus „Brüssel“ hatte schon damals einen zunehmenden Einfluss auf die Abläufe in den deutschen Ländern. Vor rund 23 Jahren begann somit Kurt Gaisserts Karriere in der Hauptstadt Europas. Für ihn, wie für viele von uns, war es ein Abenteuer, ein Umzug ins Ungewisse mit einer nicht absehbaren Zukunft. Spätestens als er 1991 seine belgische Frau kennenlernte wurde ihm klar: Er war gekommen um zu bleiben.

In der Generaldirektion Binnenmarkt, eine von 23 Generaldirektionen der Kommission, arbeitete er fortan an der Vollendung des Binnenmarkts mit. „Viele gehen nach ein paar Jahren wieder zurück nach Stuttgart, das war bei mir nicht so“, erklärt er mir mit einem Schmunzeln. Seine Frau und die Geburt des Sohnes und der Tochter waren ein Grund, der ihn in Belgien hielt, ein weiterer war der Reiz der Europäischen Integration.

Drei Jahre vertrat er die Interessen der Europäischen Gemeinschaft, wie sie damals noch hieß. Von da an war die Europäische Integration seine Leidenschaft und so kam ihm seine „Anschlussverwendung“ beim Beobachter der Länder bei der EU gelegen. Doch lange blieb er in dieser Position nicht.

„Gute Beziehungen und das richtige Timing sind wichtig“

Der Ausschuss der Regionen (AdR) befand sich 1994 in der Gründungsphase und somit bot sich eine Chance für eine längerfristige Stelle. „Gute Beziehungen und das richtige Timing sind wichtig für eine Karriere in Brüssel“, stellt Kurt Gaissert während unseres Gesprächs fest. So konnte ihm der frühere Ministerpräsident Erwin Teufel zu seinem neuen Posten verhelfen. Ende 1995 nahm Kurt Gaissert seine Arbeit im Sekretariat des AdR auf. Mit leuchtenden Augen erzählt er mir von der spannenden Phase im Kabinett des Präsidenten, für ihn ein unvergesslicher Abschnitt seiner bisherigen Berufszeit. Rumänien, Bulgarien, Malta - in alle möglichen Länder durfte er den Präsidenten des AdR im Vorfeld der Erweiterungsrunde von 2004 begleiten und eine Kurzübersicht über die politische und wirtschaftliche Situation der Länder geben. Er lernte dabei auch die gute Zusammenarbeit zwischen den europäischen Institutionen zu schätzen.

Schließlich landete Kurt Gaissert 2002 in der Landesvertretung Baden-Württemberg bei der EU und gewann so wieder etwas mehr Nähe zu seinem Land und seiner Heimatstadt Stuttgart. „Ich fühle mich zuerst als Deutscher und dann als Europäer“, betont er. Die Identifikation mit Deutschland ist ihm nach wie vor wichtig. In der Vertretung ist er seither als Berater für die interregionalen Beziehungen mit nicht deutschen Regionen, wie beispielsweise Vier Motoren für Europa, zuständig. Beim Aufbau und Entwicklung der Donauraumstrategie war er mitverantwortlich und von Anfang an dabei. Wo der Rhein für die europäische Integration von Bedeutung war, sei es die Donau für die europäische Zukunft, macht er deutlich. Ihm war es wichtig mit dieser Strategie zu zeigen, dass auch unterhalb der Schwelle der Mitgliedstaaten Partnerschaften auf europäischer Ebene möglich sind und so half er bei dem ehrgeizigen Ziel, den Donauraum zur zweiten offiziellen EU-Makroregion zu machen.

Die Donau: Fluss der europäischen Zukunft

Während unseres Gesprächs gibt er mir noch einige Tipps. Aufgeschlossen, reise- und kontaktfreudig soll ich sein und aufmerksam beobachten, was sich auf europäischer Ebene entwickelt. Wichtig sei auch, sich rechtzeitig um eine Stelle zu kümmern.

Seine Zeit in Brüssel hat er 2011 in einem Buch („Vom Atlantik bis zum Ural – von Lappland bis Malta“) festgehalten. Er wollte damit einen Rückblick geben, auf seine Erfahrungen, aber auch auf die Rolle der Regionen im europäischen Prozess und deren starke Entwicklung.

Ende dieses Jahres wird Kurt Gaissert pensioniert. „Geht’s dann zurück nach Deutschland“, will ich wissen. „Noch lange nicht“, ist die prompte Antwort. Schon längst hat er sich Pläne zurechtgelegt, um weiter mitwirken zu können, beim Projekt Europa. Wer diese interessante Persönlichkeit einmal selbst kennenlernen möchte, meldet sich beim Besucherdienst der Europäischen Kommission an. Dort führt er als Mitglied des externen Sprecherteams schon seit Mai Besuchergruppen durchs Charlemagne-Gebäude und hält Vorträge über diese Institution.

Ob dies die Endstation seiner Karriere in Brüssel sein wird, bleibt abzuwarten. Kurt Gaissert grinst und blickt aus dem Fenster, bestimmt hat er schon längst den nächsten Schritt geplant.

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Ihr Kommentar

  • Am 6. Mai 2014 um 08:15, von  Robert Fuchs Als Antwort In der Landesvertretung eine Legende

    Herr Dr. Gaissert war immer beim Tennisturnier Picasso-Pokal dabei. Die aktuelle Einladung per mail kam leider zurück. Haben Sie mir eine aktuelle e-mail Adresse ? Vielen Dank. Robert Fuchs

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