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Europäischer Volkssport: Ami-Bashing

, von  Vincent Venus

Als US-Amerikaner in Europa hat man es nicht leicht. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird sie oder er darauf hingewiesen, dass der „Durchschnittsami“ den Unterschied zwischen einem Vogel und der Türkei nicht kennt und politisch ziemlich unterbelichtet ist – schließlich wurde Bush ein zweites Mal gewählt.

Die Kolumne „Wir in Europa“ erscheint jeden Sonntag auf treffpunkteuropa.de. Autoren berichten im Wechsel über ihre persönlichen Erlebnisse mit der EU, was es bedeutet, Europäer zu sein und welche Ängste und Hoffnungen sie mit der Gemeinschaft verbinden. Foto: © European Commission / 2004

Autoren

  • Bundessekretär der JEF Deutschland | ehemaliger Chefredakteur | MA European Public Affairs, B.A. European Studies, Maastricht University | Spezialisierung: EU Außenpolitik, Politische Kommunikation

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Außerdem ist jeder zweite Amerikaner ein Waffennarr, fett und schaut Fox News, was bei uns unter Reality-Trash laufen würde. Überhaupt, das Sozialsystem der USA! Ungerecht, ineffizient und so teuer für den Einzelnen, dass ein Student nach einem Standarteingriff mit einer Rechnung über 11.000 Dollar aufwacht. Kein Wunder, dass der Gini-Koeffizient in den USA schlechter ist als in Russland. Geld für Gesundheit hat der Amerikaner nicht, dafür aber für Kampfdrohnen.

Die Liste an Vorurteilen und berechtigter Kritik an den USA ließe sich noch fortsetzen. Punkte daraus finden sich in den Kommentaren unter jedem Artikel, der das Land thematisiert. Doch nicht nur online müssen sich Amerikaner viel anhören, auch im direkten Gespräch. Ich habe einen amerikanischen Onkel sowie einen Studienfreund aus Wisconsin. Mit ihnen habe ich sehr viele Diskussionen erlebt, die genau darauf abzielten – ich selbst habe natürlich voll mitgemacht. Ami-Bashing scheint europäischer Volkssport zu sein.

Letzten Donnerstag saß ich mit besagtem amerikanischen Freund beim Bier und Backgammon und wir kamen auf diesen Umstand zu sprechen. Drei interessante Punkte aus dem Gespräch:

Erstens erwischt es meistens die Falschen. Jene Amerikaner, mit denen ich zu tun habe, sind sich sehr wohl der Missstände in den USA bewusst. Fast alle waren gegen den Irakkrieg und sehen das europäische Sozialmodell nicht als Vorstufe einer kommunistischen Hölle, sondern als Vorbild. Und Fox News schaut selbstverständlich auch keiner von ihnen.

Zweitens versteht der Durchschnittseuropäer genau so wenig die USA wie der Durchschnitts-Ami Europa. Beide Seiten schnappen gelegentlich etwas in den Medien auf, das ist auch alles. Zwar mag es sein, dass mehr Europäer Obama kennen, als Amerikaner Barroso, Merkel oder Holland. Das bedeutet aber nicht, dass wir Europäer die USA begreifen. Das Land ist riesig, sehr vielfältig – und es ist in vielerlei Hinsicht anders als die Staaten in Europa.

Drittens zeigen jene Momente kollektiver Haltung gegenüber den USA, dass ein europäisches Wir-Gefühl bestehen kann. Ein Beispiel ist der europaweite Widerstand der Bürger gegen den Irak-Krieg, den Habermas als mögliche Geburtsstunde einer europäischen Öffentlichkeit bezeichnete. Ein weiteres ist die Anhimmelung Obamas 2008, der selbst 2012 noch von 90 Prozent der (Nord)-Europäer gewählt worden wäre.

Das Fazit meiner Überlegungen und dieser Kolumne: Wir können und sollten viel an den USA kritisieren. Allerdings sollten wir uns auch besser informieren. Dabei sollten wir nicht vergessen, dass es die USA waren, die Europa von Hitler befreit haben und wir viele Werte mit dem Land teilen.

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