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Das Gefühl von Freiheit

, von  Franziska Pudelko

Die Warnungen kommen schon vor der Reise. Dass es wirklich gefährlich werden könnte, glaubte ich zunächst nicht so richtig. Bepackt mit Rucksack, Sonnencreme und Mückenspray mache ich mich auf den Weg nach Brasilien. Möglichst weit weg von Europa will ich ein exotisches Land und einen neuen Kontinent erkunden. Doch dann vermisse ich Europa schneller als erwartet.

Die Kolumne „Wir in Europa“ erscheint jeden Sonntag auf treffpunkteuropa.de. Autoren berichten im Wechsel über ihre persönlichen Erlebnisse mit der EU, was es bedeutet, Europäer zu sein und welche Ängste und Hoffnungen sie mit der Gemeinschaft verbinden. – Foto: © European Commission / 2004

Autoren

  • studiert an der KU Leuven im Master European/Global studies. Journalistische Erfahrungen sammelte sie unter anderem bei dem Onlinemagazin Utrikesperspektiv.se, bei der Süddeutschen Zeitung und beim ZDF. Bis Mai 2015 war sie Chefredakteurin von treffpunkteuropa.de.

Sechs Wochen ist keine Zeit für Brasilien. Das Land ist vierundzwanzig Mal so groß wie Deutschland und es gibt unendlich viel zu sehen und zu entdecken. Anfangs ist alles aufregend. Zeit Deutschland oder Europa zu vermissen, habe ich deshalb nicht. Und doch ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich das Leben meiner brasilianischen Freundin mit meinem deutschen Alltag vergleiche.

Überall Mauern und Zäune

Meine Gastfamilie in São Paulo macht mir den Aufenthalt einfach, mir fehlt es an nichts. Dachte ich zumindest. Pool, gutes Essen und immer viel Programm. Doch es sind die kleinen Details, die nicht sofort auffallen, die mir aber fehlen. Zunächst kann ich das Gefühl der Unzufriedenheit nicht deuten, das mich schon in den ersten Tagen in der Megastadt beschleicht. Was war es, das mich so nervös und ungeduldig macht?

Dann begreife ich: Die Zäune und Mauern stören. In São Paulo erledigen wir nichts zu Fuß. Immer nehmen wir das Auto. Im Hof direkt vor der Haustür steigen wir ein, dann erst öffnet sich das große Stahltor nach außen und gibt den Blick auf die Straße frei. Doch da gibt es nicht viel zu sehen. Nebenan und gegenüber – überall das gleiche Bild: Die Häuser sind durch hohe Mauern von der Straße abgeschottet. Die meisten haben eine Alarmanlage und eine Kamera an der Klingel, so auch meine Familie. Wenn ich das Haus verlasse, muss ich vorsichtig sein und besonders wenn ich abends heimkomme, achte ich darauf, dass niemand in der Nähe ist, wenn ich die Tür aufschließe. Einfach rausgehen, aufs Fahrrad steigen und losfahren, nachts auf der Straße laufen, ein Taxi anhalten oder mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs sein – in São Paulo fast undenkbar. Ich fühle mich nicht mehr frei, irgendwie gefangen in einer überfürsorglichen Welt. Das Gefühl holt mich während meiner Reise immer wieder ein.

Anstieg der Mordrate

„Pass bitte auf dich auf“, warnen mich Freunde und meine Familie vor der Reise und ich versichere ihnen, dass ich natürlich nichts anderes vorhabe, als in Brasilien auf mich aufzupassen. Die meiste Zeit reise ich alleine durchs Land und fühle mich dabei nie unsicher. Doch dann passiert etwas in Salvador, dass mich zum ersten Mal spüren lässt, wie schnell es in Brasilien doch gefährlich werden kann.

Wie im Paradies fühle ich mich auf der Insel Morro de São Paulo. Salvador hatte ich gerade hinter mir gelassen, um mich mit meiner brasilianischen Freundin zu treffen und noch ein paar Tage unter Palmen zu entspannen. Bevor wir den Rückweg nach Salvador antreten können, kommt die Nachricht: Die Polizei in Salvador streikt. Ein Streik, der in Deutschland gesetzlich nicht erlaubt ist. In der Folge kommt es zu Plünderungen und Ausschreitungen in Brasiliens drittgrößter Stadt. Mit ihrem Ausstand will die Polizei erwirken, dass die Gehälter erhöht und die Löhne angeglichen werden. Sofort nach Streikbeginn registrieren die Medien einen deutlichen Anstieg der Mordrate. Wir entscheiden uns deshalb gegen den Bus und fahren stattdessen mit dem Taxi zum Flughafen. Eine teure Alternative, die sich in Brasilien nur ein kleiner Teil der Gesellschaft leisten kann. Währenddessen droht die Stadt im Chaos zu versinken. Erst die 6000 Armeestreitkräfte, die die Landesregierung schickt, schaffen es später, die Sicherheit wiederherzustellen.

Brasilianische Gelassenheit

Der Taxifahrer holt uns direkt am Hafen ab. An jeder Ecke sind Polizeisirenen zu hören, die Straßen sind wie leer gefegt. Wir stellen ihm viele Fragen zu den Ausschreitungen. Doch er zuckt nur mit den Schultern und sagt: „Das ist eben so, wenn man in einer gefährlichen Stadt wohnt. Daran haben wir uns schon gewöhnt“.

Während der Fahrt denke ich sehnsüchtig an Europa, wo alles so viel einfacher ist und die Freiheit überall spürbar. Ich vermisse die Straßen, die Busse, die Plätze, die Sicherheit und sogar die vielen Gesetzte, die in Brasilien nicht immer funktionieren. Zurück in Deutschland steige ich sofort auf mein Rad und fahre damit durch die ganze Stadt - endlich wieder frei sein. Doch manchmal denke ich wehmütig an meine Reise zurück und wünsche mit von den Deutschen etwas mehr brasilianische Gelassenheit. Man kann eben nicht alles haben.

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