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Auf der Suche nach dem Europa der Dinge

, von  Christian Simon

Eine Europalette, ein Pub und ein Buch - das sind Dinge, die Europa ausmachen. Zumindest glauben das ZEIT-Campus-Journalist Oskar Piegsa (l.) und Fotograf Claudius Schulze. Gemeinsam wollen sie in ihrem Projekt „Die Dinge Europas“ genau die Sachen finden, die Europas Vielfältigkeit kennzeichnen und die gegenwärtige Verfassung des Kontinents verdeutlichen. Im Interview sprechen die beiden Projektgründer über das Europa der Interrailer, ihre eigene Eurolethargie und die ritualisierte Diskussion über Europa.

Autoren

Ihr Blog heißt „die Dinge Europas“, auf Ihrer Seite sind bisher Bilder von Paletten, einem Pferd, einem Pub und das Cover von Nabokovs Lolita zu sehen. Warum liegt der Fokus auf materiellen Dingen, anstatt auf Menschen?

Oskar Piegsa Wir wollten weg von den Menschen. Zumindest von denen, die man immer zu sehen bekommt, wenn es um Europa geht. Also weg vom Krisenpersonal, wie Barroso, Draghi, Merkel und von den „großen Europäern“, wie Jacques Delors oder so. Das soll die Bedeutung dieser Menschen nicht in Abrede stellen, aber ich glaube, wir reden oft auf eine so ritualisierte Weise über Europa, dass viele davon genervt oder gelangweilt sind. Deshalb nehmen wir einen anderen Weg: Nicht die großen Männer und Frauen sollen uns Europa nahe bringen, sondern die ganz profanen Dinge. Zu jedem Ding gibt es ein Foto und einen Text, der seine Geschichte erzählt. Und in den Texten zu den Dingen treten dann auch Menschen auf: Unternehmer, Tierschützer, Schleierfahnder, Trinker...

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Dinge aus?

Oskar Piegsa Ideal wäre, wenn das Foto die Leser verblüfft oder irritiert – „Hä, ein Pferd?“ – und diese Irritation sie in den Text zieht, wo der Hintergrund erzählt wird. Das Bild ist sozusagen die Überschrift für den Text. Gleichzeitig verändert der Text die Bedeutung des Bildes, weil die Dinge visuell auf den ersten Blick oft profan wirken und man sie erst richtig versteht, wenn man ihren Hintergrund kennt. Das ist jedenfalls unsere Idealvorstellung.

Claudius Schulze Konkrete Kriterien sind: Hat das Ding eine interessante Geschichte? Wollen wir die erzählen? Kann man es gut fotografieren? Ist es überraschend? Darüber sprechen und entscheiden wir einvernehmlich.

Oskar Piegsa Für die kommenden Monate haben wir eine lange Liste mit Ideen, aber es spielt auch der Zufall in die Auswahl hinein und die Machbarkeitsfrage: Was können wir umsetzen, was nicht, und wo finden wir während unserer Recherchen vielleicht noch etwas Besseres?

Sie selbst nennen Neil MacGregor “Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten” und Taryn Simons “American Index of the Hidden and Unfamiliar” als Vorbild, die ähnliches wie Sie bereits unternommen haben. Was ist das tatsächlich Neue an Ihrem Projekt?

Oskar Piegsa Ich fand den „American Index“ irre gut – als Kunstbuch. Taryn Simon zeigt da zum Beispiel eine Braille-Schrift-Ausgabe des Playboys, oder die Kunst, die im CIA-Hauptquartier auf dem Flur hängt. Die Bilder sind wunderschön und total überraschend, aber ich will wissen: Was lesen Blinde in einem Tittenmagazin? Warum hängt bei den Staatsschützern komplizierte abstrakte Kunst und nicht patriotischer Kitsch? Da stecken doch Geschichten! Taryn Simons Texte sind aber bloß längere Bildunterschriften, sie hat gar kein Interesse darin, diese Fragen zu beantworten. Das hat mich etwas enttäuscht.

Claudius Schulze Ihr geht es darum, Dinge sichtbar zu machen, uns geht es viel stärker auch darum, Dinge zu verstehen.

Oskar Piegsa Neil MacGregor erzählt und erklärt viel, aber sein Fokus ist eben der eines Historikers und Museumspädagogen – und extrem weit gefasst, weil er Dinge aus aller Welt und 200 000 Jahren Menschheitsgeschichte sammelt. Wir erzählen nicht von Amerika oder von der Welt, sondern von Europa; nicht von der Geschichte, sondern überwiegend aus der Gegenwart; wir zeigen nicht große Weltkunst, sondern Alltagsgegenstände; wir setzen gleichen Wert auf Text und Bild.

Sie reisten erst nach Dublin, dann nach Rosenheim. Warum gerade diese zwei Orte und welche wollen Sie noch besuchen?

Oskar Piegsa Wir hatten nicht viel Geld, nicht viel Zeit und waren nicht sehr sicher, ob unsere Idee überhaupt funktioniert. Deshalb wollten wir zuerst Dinge aus Ländern sammeln, die nicht weit weg sind und deren Sprache wir sprechen. In Deutschland anzufangen war naheliegend, dass es zusätzlich Irland wurde, war Zufall. In den nächsten Monaten werden wir unseren Radius schrittweise erweitern, langfristig auch den Schengenraum verlassen und vielleicht die eurasische Platte. Es ist ein Suchen und Tasten.

Wen möchten Sie mit Ihrem Blog erreichen? Glauben Sie, dass Sie damit auch Europaskeptiker ansprechen können?

Oskar Piegsa Das Ziel ist nicht, Euroskeptiker zu bekehren oder Euroeuphorikern auf die Schulter zu klopfen. Wir zielen eher dahin, wo Leute wie wir sitzen: Eurolethargiker. Die wollen wir überraschen. Denen wollen wir Lust darauf machen, sich mit Europa und meinetwegen auch mit der Europäischen Union zu beschäftigen.

Claudius Schulze Wenn das klappt, wäre das ganz gut.

Was fasziniert Sie persönlich an Europa?

Oskar Piegsa Nichts – hätte ich jetzt fast gesagt. Claudius und ich haben bei uns selbst jedenfalls eher einen Mangel an Faszination festgestellt. „Unser Europa ist das Europa der Interrailer und des Easy-Jet-Set. Es ist Alltag, aber irgendwie auch egal“, habe ich in unserem Mission Statement geschrieben.

Claudius Schulze Was als Diagnose erst mal seltsam ist. Wir haben beide geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer studiert, haben beide im Ausland gelebt, arbeiten beide in den Medien. Wenn nicht mal wir uns mit Europa beschäftigen, wer dann?

Oskar Piegsa Dabei hat natürlich auch eine Rolle gespielt, dass wir merkten: Kann sein, dass uns die EU wie eine Selbstverständlichkeit erscheint, aber diese Selbstverständlichkeit gerät gerade unter Beschuss. Da ist es besonders peinlich, nicht zu wissen, wie man sich dazu verhalten soll.

Sie schreiben auf Ihrem Blog, Europa sei „kleinteilig, unfertig, vielstimmig, widersprüchlich“. Kann es demnach eine europäische Identität geben und braucht es diese überhaupt?

Oskar Piegsa Das sind zwei Fragen, die uns bei diesem Projekt sehr interessieren. Persönlich bin ich skeptisch, wenn von einer Identität gesprochen wird. Mein Vermutung ist: Europa wird nie aus einem Guss sein. Wir sprechen, erinnern und fühlen unterschiedlich.

Einzelheiten zu dem Projekt findet man auch auf der Webseite. Übrigens freuen sich die Macher über Unterstützung: Wer Ideen für Fotos oder Geschichten hat, kann hier Kontakt aufnehmen.

Photo: Oskar Piegsa

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