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Anschlag auf die Europäische Zivilisation

, von  Michael Vogtmann

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Islamistische Terroristen von Daesch nehmen nach Paris auch Brüssel ins Visier und ermorden viele Menschen. Die Bilder aus verschiedenen europäischen Städten ähneln sich. Haben rechte Nationalisten wie Le Pen, Wilders und Petry recht? Sind Moslems eine Bedrohung für Europa? Oder sind wir es selbst, die unsere Zivilisation demontieren?

Kondolenzen für die Opfer der Terroranschläge in Brüssel. – © Valentina Calà / Link/ CC BY-SA 2.0-Lizenz

Terror gegen die EU

Die Attacke war nicht nur ein Angriff auf Belgien. Es war eine Attacke auf die Hauptstadt Europas und die Europäische Union als Ganzes. Zwischen den Stationen Kunst-Wet, Maalbeek und Schuman detonierten Bomben in unmittelbarer Nähe zum Berlaymont-Gebäude. Auch drei Mitarbeiter der Europäischen Kommission waren unter den Opfern. Diese Ziele wurden nicht zufällig ausgewählt. Die Botschaft der Täter ist: „Wir führen Krieg gegen Europa!“ Als Europäer stehen wir alle im Fadenkreuz, egal ob wir uns in Paris, Brüssel, Berlin, London, Rom, Madrid, Warschau, Frankfurt oder Straßburg aufhalten.

Dennoch scheinen die nationalen Eliten das nicht zu begreifen. Statt über neue gesamteuropäsiche Behörden wie eine europäische Unionspolizei oder einen europäischen Geheimdienst zu beraten, redet man über besseren Datenaustausch. Der Datenaustausch zwischen nationalen Behörden ist eigentlich das Mindeste, was benötigt wird, um gegen international agierende Terroristen vorgehen zu können. Zu erfahren, dass dieser Austausch, selbst nach den Ereignissen von Paris, noch nicht hinreichend in die Praxis umgesetzt wurde, grenzt an politische Fahrlässigkeit, für die sich die europäischen Innenminister und Regierungschefs eigentlich allesamt verantworten müssten.

Haben die Populisten recht?

Nach den Anschlägen von Paris wurde von mehreren Seiten versucht, die Flüchtlingsfrage mit der terroristischen Bedrohung zu verknüpfen. Vermengt man beide Themen mit dem Aspekt der Integrierbarkeit von Muslimen in die europäische Gesellschaft, entsteht eine wunderbare Soße an Themen, die Nationalisten anrühren können, um sie potentiellen Wählern zu servieren. Das schließt Politiker aller Couleur mit ein: von Sozialdemokraten wie Miloš Zeman, Robert Fico und Thilo Sarrazin, über Nationalkonservative wie Viktor Orban und Beata Szydło, bis hin zu rechten Populisten wie Geert Wilders und Marine Le Pen. So wurde beim Anschlag auf das Fußballstadion in Paris tatsächlich der Ausweis eines syrischen Flüchtlings entdeckt. Für Marine Le Pen war dies eine wunderbare Steilvorlage, ihre Forderung nach der Abschaffung des Schengenraums zu untermauern.

Terrorexportweltmeister Europa

Beim größten Teil der identifizierten Terroristen handelt es sich jedoch um EU-Bürger. Sie wuchsen in den Parallelgesellschaften von Molenbeek und den Pariser Banlieus auf. Auch Kommisionspräsident Juncker verweist darauf: „Die Terroristen sind durch unsere Schulsysteme gegangen.“ Sie kamen aus Europa. Keine Grenze, keine Passkontrolle hätte sie aufhalten oder die Anschläge verhindern können. Und nicht nur das. Schaut man sich die Propagandavideos von Daesch an, so stellt man fest, dass gefühlt die Hälfte der Kämpfer weder aus Syrien oder aus dem Irak stammen, sondern aus Europa. Durch die Schlagzeilen der Presse geistern Namen wie „Jihadi John“ oder „Deso Dogg“ alias Denis Cuspert. Tatsächlich „exportierte“ Europa seit 2014 weitaus mehr Dschihadisten als es „importierte“. Viele argumentieren, dass viele dieser EU-Bürger eigentlich einen arabischen Migrationshintergrund haben. Was ist dann jedoch mit den radikalen Konvertiten, die keinerlei Migrationshintergrund haben? Ist ein Mulsim, der seine Religion ernst nimmt, automatisch ein potentieller Terrorist?

Debatte voller Gift und Fallstricke

Wir alle bewegen uns auf sehr dünnem Eis, wenn wir einer derartigen Logik folgen. Es gibt Reibungsflächen zwischen der westlichem Zivilisation und konservativen Ausprägungen des Islams. Das ist ein Faktum, das wir nicht leugnen sollten. Mehr noch, manche Interpretationen des Islam, wie den durch Saudi-Arabien international geförderten Wahabismus, sind mit der europäischen Kultur und dem aufgeklärten Rechtsstaatsverständnis unvereinbar. Manche Praktiken oder Traditionen dürfen auf unserem Boden nicht toleriert werden. Dennoch, das Werkzeug mit dem man die Grenzen des Tolerierbaren absteckt, darf kein Holzhammer sein, sondern ein feines Skalpel. Wilders, Le Pen und Petry bevorzugen den Hammer. Wenn jeder Muslim unter Generalverdacht gestellt wird, ist das für sie ein Kollateralschaden, wenn überhaupt. Doch vielleicht spielt gerade der „Kampf der Kulturen“, geführt von selbsterklärten Patrioten, den Dschihadisten in die Hände.

Die Saat der Zwietracht

In den deutschen Medien ist oft vom „Islamischen Staat“ die Rede. Diese Terminologie ist gefährlich, weil sie das Eigenbild dieser Mörderbande bestätigt und damit ihrer Propaganda folgt. Es handelt sich weder um gute Moslems, noch um einen Staat und erst recht nicht um einen „Islamischen Staat“. Im arabischen Sprachraum wird die Gruppierung schlicht „Daesch“ genannt, was soviel bedeutet wie die „Zertrampler“. Auch erinnert das Wort im Arabischen an Ausdrücke wie „Zwietracht säen“. Laut dem deutsch-französischen Dschihadismusexperten Asiem El Difraoui ist das Säen von Zwietracht exakt das Ziel der Daesch-Propaganda. Daesch will eine antimuslimische Stimmung in Europa fördern, die unsere Gesellschaft weiter spaltet, sodass es leichter wird, Menschen zu rekrutieren, die sich von unserer Gesellschaft abgelehnt fühlen. Auch Zwietracht zwischen Nationen ist für Daesch attraktiv, profitiert die Gruppierung doch von der nationalen Zerklüftung der politischen und sicherheitsrelevanten Strukturen in Europa.

Die fünfte Kolonne des Daesch

In Anbetracht dessen kann man das Selbstbild von rechtsnationalistischen Hetzern als „anständige Patrioten“ in keinster Weise unwidersprochen stehen lassen. Durch das Befeuern eines Kulturkampfes helfen diese Menschen den Terroristen, indem sie die Regeln des zivilisierten Umgangs miteinander in Frage stellen. Sie befördern damit aktiv die Erosion der freien europäischen Zivilisation und Kultur, deren Zerstörung das Ziel der Dschihadisten ist. Die Religionsfreiheit zählt genauso zu den zivilisatorischen Errungenschaften Europas wie die Achtung der Menschenrechte, der Respekt vor Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, ein interkulturelles Miteinander sowie die Gleichheit der Geschlechter. Ein Mensch, der sich an der Demontage seiner eigenen Zivilisation beteiligt - egal ob aus politischem Kalkül, Ignoranz oder Unwissenheit - darf sich weder anständig noch patriotisch nennen.

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Ihr Kommentar

  • Am 1. April um 16:58, von  Michael Zabawa Als Antwort Anschlag auf die Europäische Zivilisation

    Eines gehört noch ergänzt: Die neoliberale Leitkultur, die wir implizit haben, bestehend aus Konkurrenz, Mißgunst und Egoismus (Ich! Ich! Ich!) spaltet schon so genug die Gesellschaft. Es wird Zeit, die nur als Worthülsen vorgeschobenen Werte der Aufklärung endlich ernst zu nehmen und nicht daraus fälschlicherweise einen blindwütigen Kampf gegen den Terror abzuleiten, wodurch man nur diese Werte diskreditiert. Vielmehr sollte man diese Werte selbst zur Leitkultur erheben. Dann hat man keinen Holzhammer, sondern vielleicht eben das Skalpell. Denn die Aufklärung will ihrem Wesen nach durch bloße Anleitung zur Vernunft, Demokratie, Diskurs und Achtung des Anderen (durch Toleranz, Solidarität etc.) niemandem eine Weltsicht vorschreiben, sondern vor dem Hereinfallen auf Dogmen bewahren. Hier verweise ich auf Kants „sapere aude“. Für die Idee der Werte der Aufklärung als Leitkultur, die im Gegensatz zu einer abendländisch-christlichen Leitkultur niemanden ausgrenzt, setzt sich übrigens die folgende Initiative ein: https://www.openpetition.eu/petitio...

  • Am 10. April um 18:22, von  Michael Vogtmann Als Antwort Anschlag auf die Europäische Zivilisation

    Danke für den interessanten Beitrag!

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