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„Visionen und Träume suchen, Geschichten finden“

Frollein Europa im Interview über ihre Ziele, Politik und wie man sie unterstützen kann.

, von  Vincent Venus

Sie ist mit der Schule fertig und will Europa studieren – nicht im Hörsaal, sondern auf der Straße. Ein halbes Jahr lang will Lilja alias „Frollein Europa“ durch sieben Länder reisen und erfahren, ob und wie die Menschen sich ein vereintes Europa vorstellen. Ihre Eindrücke wird sie auf www.frolleineuropa.de festhalten. Im Interview erzählt sie, wie sie auf die Idee kam, wohin sie will und warum ihre Reise ein politisches Projekt ist.

Lilja will Europa finden. – Photo: Privat

Autoren

  • Bundessekretär der JEF Deutschland | ehemaliger Chefredakteur | MA European Public Affairs, B.A. European Studies, Maastricht University | Spezialisierung: EU Außenpolitik, Politische Kommunikation

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tpo: Liebe Lilja, wo steckst Du gerade?

Grade sitze ich in meinem chaotischen Zimmer in Berlin und werfe Dinge auf verschiedene Stapel: Das brauche ich auf der Reise, das brauche ich nicht. Am 21. Januar geht es dann wirklich los, zuallererst nach Brüssel.

tpo: Wie würdest Du Dein Konzept in der Länge einer SMS beschreiben?

Politik an die Menschen zurückgeben. Fragen, was sie wollen. Visionen und Träume suchen, Geschichten finden.

tpo: Du wirst die kommenden Monate durch Europa herumreisen. Wie bist Du auf diese Idee gekommen?

Eigentlich hat alles 2009 während meines Schüleraustauschjahres in Lettland begonnen. Ich habe mich schon immer für Politik begeistert, konnte mich aber nie mit nationaler Politik anfreunden. Vor allem das Parteigeklüngel hat mich immer gestört. In Lettland fühlte es sich dann noch absurder an, die Parteistreiterein in Deutschland zu verfolgen. Ich sprach aber auch nicht genug lettisch, um die dortigen Nachrichten zu verstehen.

Irgendwann fing ich dann an, europäische Nachrichten zu lesen. 2009 erholte sich Lettland ganz, ganz langsam von der Wirtschaftskrise. Die EU schien der große Retter zu sein und die Berichterstattung war durch und durch positiv. Ich hatte das Gefühl, dass mit der Europäischen Union etwas ganz Neues entsteht, was wir Europäer nach unserem Wunsch gestalten können. Anders als in Deutschland, wo mir alles so festgefahren erschien.

Zurück in Deutschland holte mich dann die Realität ein. Ich hatte mir ein Traumbild von einem solidarischen Europa gebastelt, was durch die Eurokrise schnell zerschlagen wurde. Zu dieser Zeit sagte ich immer, wenn mich jemand fragte, was ich nach der Schule machen wolle: „Europapolitik studieren“. Aber eigentlich war ich mir längst nicht mehr sicher. Was, wenn die meisten Menschen gar kein geeintes Europa wollen? Dann würde ich auch nicht dafür arbeiten wollen, Europa zu einen. Ich suchte nach Büchern und ähnlichem über die Zukunft Europas. Außer wirtschaftlichen Rechnungen und Horrorszenarien über einen Zentralstaat à la 1984 fand ich nicht viel. Irgendwann sagte ich: „Dann finde ich halt selbst heraus welches Europa die Menschen wollen.“ Zuerst ein Witz wurde es später mehr als das.

tpo: Du möchtest durch sieben Länder reisen. Wie hast Du eine Auswahl getroffen?

Teils habe ich mich für die Länder entschieden, weil mich zum Beispiel das Thema Rechtspopulismus interessiert hat und es dann während der Wahl in Frankreich letzten Sommer so präsent war, dass ich gesagt habe, da muss ich hin. Andere Länder, wie zum Beispiel Rumänien, habe ich gewählt, weil ich so wenig über sie weiß.

Generell interessiert mich Osteuropa mehr als Westeuropa. Griechenland ist aus der Europadiskussion im Moment nicht weg zu denken, da will ich hin und mal gucken, was junge Menschen dort für Ideen haben. Nach meinem Jahr in Lettland habe ich mir immer gewünscht, zurück zu kommen und genug Zeit mitzubringen um den Leuten zuzuhören.

Norwegen scheint mir ein gutes letztes Land zu sein, weil es hier in Deutschland immer als das leuchtende, zukunftsweisende Land bezeichnet wird. Sehen das die Menschen in Norwegen genauso? Norwegen hat sich 1994 in einem Volksentscheid gegen den EU Beitritt entschieden, mich interessiert, wie Norweger Europas Zukunft ohne EU sehen.

tpo: Ist Frollein Europa ein politisches Projekt?

Ja. Das ist mir sehr wichtig. Mein Traum ist es, eine politische Perspektive für Europa zu erarbeiten, die sich auf die Wünsche der Menschen stützt.

tpo: Frisch aus der Schule und ab nach Europa. Wie schaffst Du es, die Reise zu finanzieren?

Ich versuche meine Reise durch Crowdfunding zumindest zu einem Teil zu finanzieren. Über die Plattform www.pling.de kann man mich noch bis zum 29. Januar 2012 unterstützen. Jeder Euro bringt mich meinem Traum ein kleines Stückchen näher!

tpo: Und, wie geht es jetzt weiter?

Ab dem 22. Januar bin ich in Brüssel. In Brüssels geht’s um die Menschen, die für die EU arbeiten. Ich habe viele Interviewtermine mit Parlamentariern und will sie fragen, was sie sich für Europas Zukunft wünschen. Ich will wissen, von welchem Europa sie träumen, wenn sie nicht grade im Krisen-Alltag festhängen. Am meisten freue ich mich darüber, dass ich Daniel Cohn-Bendit für ein Interview gewinnen konnte. Ich hoffe, dass er mir einiges über Visionen, Träume und die politische Seite Europas erzählen kann.

Liebe Lilja, wir danken für das Gespräch und wünschen Dir viel Erfolg mit Deinem Projekt Frollein Europa!

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