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Auf dem Taksim-Platz: Ein Aufschrei für die Freiheit

, von  Patricia Ruelleux, Übersetzt von Christian Weickhmann

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Patricia Ruelleux ist Mitglied der Jeunes Européens – France. Sie lebt seit einigen Monaten in Istanbul und berichtet uns ihre persönlichen Eindrücke über die Geschehnisse in der Türkei.

Demonstranten auf dem Taksim-Platz in Istanbul. Foto: © Patricia Ruelleux

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Montag morgen - Istanbul - Stadtteil Cihangir.

Ich stehe auf, höre das Dröhnen eines Helikopters, den Krach einer Straßenkehrmaschine. Einige Möwen. Es fühlt sich an wie ein schlimmer Kater.

Was ist passiert? Meine Augen jucken immer noch. Ich hatte zuvor noch nie Tränengas eingeatmet. Meine Gliedmaßen schmerzen vom Rennen - es war nötig. Was ich gesehen habe, ist unglaublich: Wie ein Teil des Volkes sich erhebt, auf die Straße geht, kämpft und den Taksim-Platz übernimmt. Um zu protestieren und NEIN zu sagen zum Warten auf die Freiheit. Ich zittere noch. Alle, die Jungen, die Alten, die Mütter sind auf die Straße gegangen, wahlweise mit Masken und Schals, um sich vor Tränengas zu schützen. Mit Löffeln, um Krach und den Demonstranten Mut zu machen.

All das erscheint verrückt und nicht möglich: Die Türkei, seit einigen Jahren als das Modell für Demokratie unter den muslimischen Ländern gehandelt, laizistisch wie es ist. Dieser Staat respektiert doch die individuellen Freiheitsrechte. Er ist auch Modell für wirtschaftlichen Erfolg. Ganz Europa beneidet die Türkei um ihre Wachstumsraten.

Aus diesem Grund hatte ich mich vor einem halben Jahr hier niedergelassen. Und trotzdem: Der Wind hat sich gedreht. Folglich musste ich wie alle Bewohner des Viertels Beyoglu mit ansehen, wie Cafés und Restaurants ihre Terrassen schließen mussten. Ich habe mitbekommen, welche drastischen Einschränkungen für den Verkauf von Alkohol eingeführt wurden. Ich musste die herabwürdigende Diskussion über Abtreibung verfolgen, hörte wie gefordert wurde, dass jede Frau mindestens drei Kinder bekommen müsse. Ich sah letzte Woche im Fernsehen die beiden Jugendlichen, die sich in Ankara küssten und daraufhin von einem Busfahrer angegriffen wurden. Individuelle Freiheit sieht anders aus.

Was den „Wirtschaftsboom“ betrifft, so kann ich wie viele Istanbuler die ausufernde Vermarktung der Stadt nicht nachvollziehen. Sie beschleunigt sich sogar: Vom Bau von Einkaufs-Hochhäusern bis zur Verachtung historischer Gebäude, die uns so viel über den kulturellen Reichtum dieser Stadt und ihrer Einwohner lehrt. Daher war das Herausreißen von Bäumen im Gezi-Park in Taksim, um einem neuen Einkaufszentrum Platz zu machen, der Funke, der das Pulverfass entzündet hat. Der Tropfen zu viel, durch den die Einwohner aufgehört haben, sich mit den Entscheidungen der Verwaltung zu identifizieren. Sie hielten inne, um STOP zu sagen.

Der weitere Verlauf der Ereignisse ist bekannt: Gewalttätiges Eingreifen der Polizei, systematische Verwendung von Reizgas. Nun folgen Demonstrationen im ganzen Land. Die Bewegung hat sich gegen die Regierung gewandt. Was heute oder morgen passieren wird, weiß niemand. Zu dieser Stunde ist der Taksim-Platz noch fest in der Hand der Demonstranten. Aber alle wissen sehr gut, das dies nicht so bleiben wird und kann...

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