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Kosovo: Weitgehend minenfrei

Drei Tage Kosovo, ein Reisebericht.

, von  Vincent Venus

Der Kosovo gehört zum Balkan, dem schwarzen Loch auf der Karte Europas. Dabei wird hier die Bedeutung der Europäischen Union deutlicher als nirgendwo. Ein Reisebericht aus einem Land, das keiner kennt.

Autoren

  • Stellv. Vorsitzender der JEF Deutschland | ehemaliger Chefredakteur | studiert European Public Affairs (M.A.), vorher B.A. European Studies, Maastricht University | Spezialisierung: EU Außenpolitik, Politische Kommunikation

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Der Titel bezieht sich auf die Einschätzung auf der Internetseite des Auswärtigen Amts.

Grenzübergang mit Hindernissen

Unfassbar, gleich sind wir im Kosovo. Seit drei Wochen bereits reisen zwei Freunde und ich durch den Südosten Europas. Immer mit dabei ist Hector, unser 23-jähriges Wohnmobil auf Ford Transit Basis. Nach einer Nacht Wildcampen in Mazedonien stehen wir nun am südlichen Grenzübergang und hoffen auf Einlass. Wenig später sind wir zwar innerhalb der Landesgrenze, aber unsere Pässe hat der Grenzbeamte. Vor der Weiterfahrt müssen wir erst einmal eine extra Haftpflichtversicherung abschließen. Gut 20 Euro für die drei Tage, alle anderen Versicherungen akzeptiert Europas jüngster und umstrittenster Staat nicht.

Spät am Nachmittag erreichen wir die Hauptstadt, Prishtina. Auf dem Weg dahin sehen wir Fahnen, viele Fahnen; meist zu fünft wehen sie am Straßenrand - allerdings kaum kosovarische. Dafür umso mehr albanische und amerikanische und ab und zu erblickt man auch eine deutsche oder europäische. Erst Verwirrung, einen Tag später Aufklärung: Im Kosovo sind 90% der Bewohner Albaner und jene sind den USA und den europäischen Nato-Partnern dankbar für ihre Befreiung in den 90ern (Hintergründe bei Thenewfederalist).

Auf die Erkenntnis, dass man wohl gleichzeitig Albaner und Kosovare sein kann, folgt eine zweite: die Einheimischen sind sehr gastfreundlich. Kurzfristig hatten wir Jiridon, ehemals Präsident der JEF Kosovo gefragt, ob Zeit für uns habe. Er hatte und nach einem langen Gespräch in einem Café, ahnen wir langsam, wie brisant die Lage dort ist.

Ostel **

Das Grand Hotel in Prishtina

Das Grand Hotel in Prishtina.

Geschichte kann man lesen und erzählt bekommen. Man kann sie aber auch erleben und im Kosovo (und Serbien) ist sie allgegenwärtig. Nicht nur sichtbar an den Militärfahrzeugen, die man noch ab und zu sieht, sondern viel mehr an dem, was die Menschen dort beschäftigt: Der Krieg in den 90ern und die schwierigen Beziehungen mit Serbien, die Unabhängigkeitserklärung 2008 und der Weg des Balkans in die Europäische Union. All das ist schwer zu begreifen, aber es gibt ein Gebäude in Prishtina, das für den Wandel steht. Mitten in der Stadt steht ein hoher, hässlicher Klotz, früher und heute ein Hotel. Allerdings nicht mehr in Besitz einer sowjetischen Satellitenregierung, sondern in privater Hand. Das graue Gebäude dominiert das Zentrum und auf dem Dach ließt man „Hotel *****“. Allerdings nicht bei Nacht, dann nämlich strahlt es von oben „otel**“ auf der einen und „hoe“ (engl. Hure) auf der anderen Seite. Was das mit Geschichte zu tun hat? Ein Kosovare erzählt mir, dass früher am Eingang ein Schild angebracht war auf dem stand „Hunde und Albaner haben keinen Zutritt“ - heute feiern eben jene Albaner im Gebäudekomplex Partys. Auch bezeichnend das riesige Gebäudeposter mit einem lächelnden Bill Clinton, direkt am Bill Clinton Boulevard oder einige kleinere Plakate. Darauf ließt man: „Tony Blair. A leader, a friend, a hero“.

EU-Mitgliedschaft notwendig

Nach zwei Nächten brechen wir auf und lassen Jiridon, albanische Kriegsdenkmäler und den grinsenden Clinton hinter uns. Ein aufregender, wertvoller Besuch, den ich nur jedem empfehlen kann. Kosovo hat eine Zukunft, seine Bewohner sehen sich selbst als Europäer und man sollte ihnen helfen, Mitglied der Union zu werden. Dies ist der einzige Weg um den sehr präsenten Nationalismus zu schwächen und das Land mit Serbien zu versöhnen. Denn auch dort waren wir und auch dieses Land braucht eine europäische Perspektive. Nur dann kann es ihnen wie den Franzosen und Deutschen in den 1950ern gelingen, die Feindschaft zu überwinden.

Titelbild: Bestimmte Rechte vorbehalten von khrawlings. Zweites Bild: Das Grand Hotel. With permission of the author Hipi Zhdripi-Gimi. Unter folgenden Bedingungen.

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