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Europäische Integration 2.0

, von  Conrad Schiffmann

Die europäische Integration befindet sich in der schlimmsten Krise seit dem zweiten Weltkrieg. Das Vertrauen in die EU leidet immens unter den wirtschaftlichen Zuständen in einigen Mitgliedsländern. Während die Politik handlungsunfähig zuschaut, wie die Jugendarbeitslosigkeit weiter steigt, bildet sich eine neue europäische Arbeitswelt mit einer eigenen europäischen Identität. Wird diese Chance für Europa wahrgenommen, kann eine neue Integration entstehen und Europa gestärkt aus der Krise kommen.

Start-up Unternehmen bieten neue Möglichkeiten für den Arbeitsmarkt in Europa. Doch nimmt die EU diese Chance überhaupt wahr? © European Commission

Autoren

  • Conrad Schiffmann studiert Politik- und Rechtswissenschaft in Jena und Madrid mit Schwerpunkt Europäische Studien und Ideengeschichte.

Gerade für erfahrene Politiker sind sie absolutes Neuland: Internetunternehmen, oder sogenannte Start-Ups. Sie produzieren Produkte, die keiner klassischen Infrastruktur, wie Fabriken oder Autobahnen, bedürfen. Ihre Produkte existieren oft nur in der virtuellen Realität.

Die selbstständigen Mitarbeiter arbeiten zeitlich und örtlich nur begrenzt zusammen und mit anderen Unternehmen unter einem Dach. In der Kreativwirtschaft und Start-Up Szene arbeiten vor allem junge Menschen, die sich gerne über nationale und unternehmerische Grenzen hinaus vernetzten und durchmischen. In den Unternehmen arbeiten Holländer mit Spaniern, Schweden mit Polen, Deutsche und Ungarn überall in Europa zusammen. Sie sind das beste Beispiel für eine europäische Unternehmenskultur.

Neue Anforderungen der Wirtschaft 2.0 - Eine moderne Verwaltung

Die Anforderungen dieser Unternehmen unterscheiden sich von denen konventioneller Industrien erheblich. Technik, Talent und Toleranz, statt großflächigen Fabrikgebäuden oder Infrastruktur, stehen im Vordergrund. Wenn die Politik ein Interesse daran hat, diesen modernen Wirtschaftszweig zu fördern, muss sie sich an die neuen Ansprüche anpassen.

Entscheidend ist vor allem die technische Ausstattung und Kommunikationsmöglichkeit des Umfelds. Hierzu zählt eine Verwaltung, die technisch auf Augenhöhe arbeitet. Häufige und zähe Amtswege werden in Deutschland nur schleppend in digitale Formulare umgewandelt. Dabei ermöglichen diese mehr Offenheit durch Mehrsprachigkeit und eine ständige Abrufbarkeit. Auch der Zeitaufwand kann deutlich reduziert werden. In Estland, mit seiner volldigitalisierten Verwaltung, dauert die Gründung einer GmbH von Verwaltungsseite 24 Stunden. In Deutschland muss man mit mehr Zeit rechnen.

Auch das Thema Internetstruktur ist von großer Bedeutung. Die Verfügbarkeit von Breitbandinternet wird vorausgesetzt und ist als Wirtschaftsfaktor heute unabdingbar. Ein sicherer Datenschutz ist ebenfalls entscheidend. Wer sein Geschäft fast ausschließlich über das Netz abwickelt, muss sich auf die Gewährleistung der Sicherheit dieses Weges verlassen können. Talente und Toleranz spielen vor allem in der Bildungspolitik eine wesentliche Rolle. Europaweite oder international agierende Unternehmen legen viel Wert darauf, dass sich auch die Mitarbeiter aus anderen Ländern bei ihnen wohlfühlen.

Noch fehlt ein europäischer Arbeitsmarkt

Diese Schwerpunkte der Wirtschaftsförderung lassen sich auf nationaler und kommunaler Ebene lösen. Die Herausforderungen für die EU sind umfangreicher. Digitale Unternehmen fördern auch eine „Dematerialisierung“ von Unternehmen. Das hat häufig zur Folge, dass Unternehmen per Mausklick ihren Standort verlagern können. Wurden Steuerbestände bisher an den Unternehmenssitz geknüpft, wird die Erfassung von Start-Ups in Zukunft schwieriger. Auch die Steuerflucht wird durch den schnellen Wechsel des Standortes ein Problem mit europäischer Dimension.

Das Konkurrenzdenken zwischen den Mitgliedsländern führt dann zu starken Eingriffen in die Wirtschaft in Form von Subventionen und Steuererleichterungen. Hinzu kommt: Bestehen Unternehmen nur kurzzeitig bis zum Projektabschluss und arbeiten die Mitarbeiter anschließend weiter als Freelancer mit anderen Unternehmen, in einem anderen Land, kann das derzeit die Verwaltungen der europäischen Staaten erheblich beanspruchen.

Noch fehlt ein europäischer Arbeitsmarkt. Dieser muss die Barrieren zwischen den Arbeitsmärkten der Mitgliedsländer weiter abbauen. Anpassungen der Steuersysteme der Länder sowie eine nahtlose Anerkennung von, im europäischen Ausland erbrachten, Studienleistungen, scheitern noch an nationalen Querelen innerhalb der EU. Aber auch die europäischen Verwaltungen müssen sich miteinander vernetzten. Einheitliche, mehrsprachige Internetformulare für „Verwaltungsgänge“, wie die Anmeldung des Wohnsitzes, wären eine schnelle und einfache Lösung.

Europa 2.0

Neben Vereinbarungen zur Haushaltskonsolidierung und Finanzmarktregulierung, plant die EU das Wirtschaft-Förderprogramm Europa 2020. Dabei sollten Zukunftsmärkte berücksichtigt werden. Ihr Wachstumspotenzial, die Anziehungskraft für junge Leute und die Toleranz über alle nationalen Grenzen hinweg sind überzeugende Argumente.

Das moderne Europa kann den neuen Markt und seine Anforderungen auch nutzen, um sich selbst zu modernisieren. Wirtschaftsförderung ist Infrastrukturförderung. Heutzutage ist ein Breitbandausbau vielleicht ergiebiger als der Bau einer Autobahn. Durch ihn kann eine modernisierte Verwaltung schneller und effektiver arbeiten, ihr Aufgabenfeld erweitern, den Bürger stärker einbinden und besser auf Innovationen reagieren.

Vernachlässigen die EU die Modernisierungsmöglichkeiten, wird die Szene weiterhin bestehen. Sie wird weiterwachsen und vor allem auf ihrer Toleranz aufbauend weiterhin die motivierte, gut ausgebildete europäische Jugend anziehen. Aber nicht in Europa - Integration findet dann woanders statt.

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