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Die Krisengeneration

, von  Tobias Sauer

„Für diese Krise zahlen wir nicht“, heißt es seit dem Ausbruch der Finanzkrise bei Demonstrationen, auch in Spanien. Doch allen Protestsprüchen zum Trotz: Gerade die Jüngeren leiden unter der schlechten wirtschaftlichen Situation. Denn sie finden nach Schule und Studium keinen Job.

Proteste in MadridBestimmte Rechte vorbehalten von Ametxat

Autoren

  • Journalist in Berlin, studierte Politikwissenschaft, Geschichte und Ethnologie an den Universitäten Trier und Bologna

"Für diese Krise zahlen wir nicht!

Trotzig sprayen Demonstranten den modernen Klassiker der Protestparolen (ausgerechnet!) auf ein Schaufenster eines Kaufhauses direkt an der Puerta del Sol in der Madrider Innenstadt: „Für diese Krise zahlen wir nicht!“ Schon vor einem Jahr war die Puerta del Sol fest in der Hand der Demonstranten. Hunderttausende campierten hier und protestierten gegen Politiker, die sie als korrupt und inkompetent wahrnahmen, und gegen eine wirtschaftliche Situation, die vielen damals schon die Luft zum Atmen nahm.

In den letzten zwölf Monaten hat sich die wirtschaftliche Lage sogar noch verschärft. Von der Wirtschaftskrise in Europa ist Spanien besonders stark betroffen. Nach offiziellen Angaben ist hier rund die Hälfte aller Jüngeren arbeitslos – nur Griechenland kommt in der EU noch auf ähnlich schlechte Werte. Viele junge Arbeitslose sind frustriert. „Meine Eltern und Großeltern haben gesagt: Lernt, studiert, und ihr findet einen Job, der euch Spaß macht“, sagt Leticia de Armas Moreno. Die 26-jährige Übersetzerin und Dolmetscherin hat vor einem Jahr ihr Studium abgeschlossen und ist seitdem auf Jobsuche. Außer Gelegenheitsarbeiten – als Hostess beim Cirque du Soleil oder als Ticketverkäuferin im Theater – hat sie nichts gefunden. „Bei Vorstellungsgesprächen warten 200 Bewerber auf ihren Termin“, sagt sie. „Vielleicht finde ich etwas als Kellnerin, aber in meinem eigentlichen Job gibt es einfach keine Chance.“

Ausweichoption: Universität

Weil die Jobs fehlen, schreiben sich viele junge Arbeitslose an den Universitäten für Kurse ein, die sie sonst nicht besucht hätten. Die eigentlichen Arbeitslosenzahlen dürften also noch höher sein, als die Statistik ausweist. „Ich mache einen Master in englischer Sprache auf Lehramt, obwohl ich schon einen Master habe“, sagt Matías Hidalgo Gallardo, der wie Leticia Sprachen studiert hat. Auch Matías hat keinen Job gefunden. Wenn es überhaupt offene Stellen gäbe, seien die Löhne sehr niedrig und die Arbeitszeiten sehr lang. Mit der Zusatzausbildung hofft er sich für mehr Stellen bewerben zu können. Ein Einzelfall ist er nicht: „Viele Freunde studieren länger, als sie eigentlich wollten.“

Ähnlich wie Leticia hat auch Matías das Gefühl, betrogen worden zu sein. „Wir sind die am besten ausgebildete Generation, die es in Spanien je gab. Und gleichzeitig sind wir diejenige, die am meisten Schwierigkeiten hat, Arbeit zu finden. Das ist doch nicht normal!“, empört er sich.

Die Politik versucht sich an Arbeitsmarktreformen

Um die Krise zu bewältigen hat die spanische Regierung unter den Ministerpräsidenten José Zapatero und Mariano Rajoy begonnen, den Arbeitsmarkt zu reformieren. Die Idee: Wenn Arbeitnehmer leichter entlassen werden können, sind Unternehmer möglicherweise eher bereit, neue Leute einzustellen, auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Bisher galten festangestellte Arbeitnehmer in Spanien als besonders gut vor Kündigungen geschützt. Nun wird es für Unternehmer einfacher, sie wieder zu entlassen, weil die zu zahlende Abfindung deutlich sinkt. Im Gegenzug dürfen Unternehmen Arbeitnehmer nur noch für zwei Jahre mit befristeten Verträgen beschäftigen.

Überzeugt von diesen Reformen sind allerdings weder die Demonstranten in der Innenstadt, die darin einen Ausverkauf der Arbeitnehmerrechte sehen, noch viele Jugendliche. „Es fehlen Investitionen – nur so entstehen neue Arbeitsplätze“, glaubt Matías. Auch Leticia ist skeptisch: „Die Unternehmen haben einfach kein Geld, deshalb stellen sie niemanden ein. Vielleicht wäre es besser gewesen, die Steuern zu senken.“ Hoffnung auf eine baldige Besserung der Lage haben die beiden nicht. Um der Krise in ihrem Heimatland zu entgehen, überlegen immer mehr junge Spanier, auszuwandern. Auch Deutschland ist ein Ziel der neuen, oft gut ausgebildeten Wirtschaftsflüchtlinge. Im ersten Halbjahr 2011 sind 49 Prozent mehr Spanier nach Deutschland gezogen als im ersten Halbjahr 2010, berichtet das Statistische Bundesamt. Die hohe Steigerungsrate darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zahlen absolut gesehen relativ niedrig sind: Im ersten Halbjahr 2010 zogen 4868 Spanier nach Deutschland, im ersten Halbjahr 2011 waren es dann 7257, erläutert eine Sprecherin.

Doch die Wahrscheinlichkeit, dass bald mehr junge Spanier in Deutschland ihre berufliche Zukunft sehen, ist hoch. Ein Indiz dafür: Immer mehr Spanier beginnen, Deutsch zu lernen. Am Goethe-Institut in Madrid haben sich im Winter 2011/2012 rund 30 Prozent mehr Menschen für einen Deutschkurs angemeldet als im Vorjahr. Aufgrund des großen Interesses wurden zehn neue Lehrerinnen eingestellt und der Kurs „Meine Bewerbung für Deutschland“ eingerichtet.

Carlos ist einer der Deutsch-Schüler. Der Doktorand in Molekularbiologie möchte nach seiner Promotion am liebsten in Deutschland arbeiten. „In Spanien gibt es keine so gut ausgebaute Forschungslandschaft wie in Deutschland“, glaubt er. In seinem Sprachkurs gebe es mehrere Naturwissenschaftler, berichtet Carlos. Die meisten würden die Sprache lernen, um später in Deutschland arbeiten zu können. Auch Matías kommt gerade aus dem Ausland zurück. An der Universität Neapel hat er sich um eine Stelle als Spanisch-Lehrer beworben. Außerhalb Spaniens nach Arbeit zu suchen, ist für ihn kein Problem. „Für mich persönlich ist das eher ein Bedürfnis. Ich möchte nicht nur in Spanien leben“, sagt er. In Italien war er schon als Erasmus-Student und hat danach ein Jahr lang dort gearbeitet. Doch insbesondere wenn Partner mit ihm Spiel sind, fällt es Arbeitslosen schwerer, sich nach Jobs weit von zu Hause entfernt umzusehen. „Ich würde auch außerhalb Spaniens nach Arbeit suchen“, beteuert Leticia, „aber mein Freund wohnt hier in Madrid.“

Unter Umständen droht allerdings eine noch schlechtere Alternative. Wenn sie nicht bald einen Job findet, muss sie wieder bei ihren Eltern einziehen, denn Hartz-IV oder ähnliche staatliche Hilfen gibt es in Spanien nicht.

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